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Editorial
Von Michael Wiederstein
Liebe Leser
Kürzlich wohnte ich einem Vortrag des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa in St. Gallen bei. Er äusserte bemerkenswerte Gedanken zu den Wechselwirkungen von Literatur und Geschichte, die auch den Krimi-Schwerpunkt (ab S. 4) dieser Ausgabe neu kontextualisieren: die Geschichte, so Vargas Llosa, sei der konkurrenzlos grösste Ideenfundus für jede Art von Literatur. Andererseits sei aber auch die Literatur in einzigartiger Weise imstande, einen –...
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Essay
Von Thomas Sprecher
Man muss kein Kriminalfetischist sein, um den immer wiederkehrenden Reiz literarisierten Verbrechens zu geniessen. Dabei sind Krimis klassische Adoleszentenliteratur geblieben. Literatur für Adoleszenten jeden Alters. Die exklusive Fähigkeit, als Schund zu gelten, haben sie verloren; zweifellos produzieren andere Gattungen nicht weniger Wertlosigkeit. Längst sind Krimis Dutzendware geworden. Theologen, Hausfrauen, Anwälte und andere gelangweilte Zeitgenossen mühen sich...
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Autor & Werk
Stephan Pörtner kennt die Zürcher Halbwelt nicht nur aus Erzählungen. Im Interview erzählt er, wie es ihm gelang, aus der eigenen bewegten Geschichte literarisches Kapital zu schlagen, und wie er so die Langstrasse zum Tatort machte. Und er verrät, wieso die Schweiz für die «ganz harten Geschichten» zu brav ist.
Von Michael Wiederstein, Stephan Pörtner
Herr Pörtner, Sie sind ein «Krimiautor». Ist das im Literaturbetrieb eine Art Stigma?
Nicht überall. Das Herabwürdigen des Krimis ist vor allem ein Phänomen im deutschsprachigen Raum. Und auch nur in jenen Zirkeln, die das Elitäre hochhalten. Zu den Literaturtagen in Solothurn wird also vielleicht pro forma alle Jahre ein Krimiautor eingeladen. In der angelsächsischen Welt hingegen klammert man den Krimi gemeinhin nicht aus, wenn man von...
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Zwischen den Zeilen
Weniger Einkommen, mehr Freiheit: Krimiautor Michael Theurillat zog das Schriftstellerleben dem Bankerleben vor. Nun macht er sich Gedanken darüber, was Ökonomen von Schriftstellern lernen können – und umgekehrt. Ein Gespräch von Macduff über Mark Twain bis Marcel Ospel.
Von Michael Theurillat, Fabienne Schwyzer, Michael Wiederstein
Herr Theurillat, Sie haben vor wenigen Jahren die Rolle des Bankers mit derjenigen des Schriftstellers getauscht…
...und damit auch das Gehalt! (lacht)
Darauf will ich hinaus. Von einem siebenstelligen Gehalt in Richtung unsichere Schriftstellerexistenz herunterzufahren: das widerspricht der ökonomischen Vernunft.
Sie dürfen die Ökonomen nicht unterschätzen, wir haben für alles eine Erklärung.
Lassen Sie hören!
Es gibt das Gesetz des abnehmenden...
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Kurzkritik
Franz Hohler: Der Stein. München: Luchterhand, 2011
Von Klaus Hübner
Das Groteske, das Satirische, das überspitzt Ironische ist Franz Hohlers Metier. «Der Stein» heisst die titelgebende seiner jetzt vorgelegten zehn Erzählungen. Wer nur ihre Schlusssätze liest, könnte meinen, Hohler sei inzwischen auf dem Weg in die Ewigkeit – oder ins Nirwana: «Ein Stein erinnert sich nicht. Ein Stein träumt nicht. Ein Stein hofft nicht. Man kann nicht einmal sagen, dass er wartet.» Liest man aber nur ein wenig mehr, wird...
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Kurzkritik
Anne Cuneo: Štěpán. Zürich: Bilgerverlag, 2011.
Von Claudia Mäder
Der arabische Frühling hat Erinnerungen an das Ringen um Freiheit im kommunistischen Osteuropa zu neuer Blüte gebracht – und schafft mit seinem ungewissen herbstlichen Fortgang einen doppelt aktuellen Hintergrund für die Übersetzung eines 20 Jahre alten Buches, das anhand der Tschechoslowakei mit 1989 nicht nur die allenthalben zitierte friedliche Wende, sondern mit 1968 auch das blutige Verwelken freiheitlicher Keime erfahrbar macht. Prague aux doigts de feu lautet der...
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Kurzkritik
Zora del Buono: Hundert Tage Amerika. Hamburg: Mare, 2011.
Von Michael Harde
Damals, als Reiseberichte noch Abenteuerbücher hiessen, blieben Reiseschriftsteller zumeist zu Hause und erzählten vom Hörensagen. Oder sie starben in der Fremde, bevor sie jemand las. Sicher, es gab auch noch Mark Twain, aber die Messlatte soll hier nicht zu hoch gelegt werden. Bleiben wir auf der Erde: sie war einstmals sehr gross, weithin unbekannt – aber gefährlich. Ein Reisebericht war per se spannend, denn er erzählte von einem, der diese zumindest lang...
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Kurzkritik
Ilija Trojanow: EisTau. München: Hanser, 2011.
Von Michael Pfister
Unsere Zeit in einem Buch zu erfassen, könnte durchaus auch heissen, einen Roman über die Zerstörung der Natur durch den Menschen zu schreiben, eine mit Fleisch und Farben gefüllte Kritik der instrumentellen Vernunft. Schonungsloser Spiegel unserer alltäglichen Bequemlichkeit. Synthese von genauer Naturbeschreibung und littérature engagée. Erzählungen wie «Onkel Toms Hütte» seien besser geeignet als moralphilosophische Abhandlungen, so...
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Kurzkritik
Charles Lewinsky: Gerron. Zürich: Nagel & Kimche, 2011.
Von Liliane Studer
Eines hat dieser Roman geschafft: man weiss heute weit herum, wer Kurt Gerron war, nämlich ein jüdischer Schauspieler, Komiker und Filmregisseur, der 1944 nach Theresienstadt gebracht wurde, dort den Auftrag bekam, den Propagandafilm «Der Führer schenkt den Juden eine Stadt» zu drehen (der eigentlich «Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet» hiess) – und der am 30. Oktober 1944 mit seiner Frau Olga in Auschwitz ermordet wurde. Der...
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Rezension
Anja Siouda: Steine auf dem Weg zum Pass. Marbach am Neckar: Alkyon, 2010.
Von Konrad Kuoni
Die marokkanische Studentin Halima wird von einem Zuhälter unter falschen Versprechen in die Schweiz gelockt. Ein Freier mit Hund fesselt sie nackt und steckt ihr einen Hundekeks zwischen die Beine. Derweil der Köter nach ihm schnappt, schnappt der Leser nach Luft. Später zurrt die Gepeinigte dem Freier mehrere Kondome so eng ums Gemächt, dass ihr Zuhälter sich genötigt sieht, sie loszuwerden. Er gibt ein Inserat auf: «Junge Frau sucht netten Schweizer...
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Kurzkritik
Ursus Wehrli: Die Kunst, aufzuräumen. Zürich: Kein & Aber, 2011.
Von Sophie Rudolph
Ursus Wehrli, Linkshänder, Querdenker und gelernter Typograph, hatte vor Jahren mal eine lustige Idee. Diese Idee befruchtete schon zwei, nun ist ein dritter Photoband erschienen. Zuerst hat Wehrli Kunst aufgeräumt. Das hat sich gut verkauft. Dann hat er noch mehr Kunst aufgeräumt. Das hat sich besser verkauft. Und jetzt räumt er mit allem auf. Oder tut zumindest so.
Auf zwanzig Doppelseiten zeigt «Die Kunst, aufzuräumen», wie aus dem alltäglichen...
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Kurzkritik
Peter Bieri: Wie wollen wir leben? St. Pölten: Residenz, 2011.
Von Fabienne Schwyzer
Philosophisch imprägnierte Ratgeberliteratur erfreut sich aktuell grosser Beliebtheit. Der intellektuelle Mehrwert vieler solcher Neuerscheinungen zerreibt sich zwischen zwei formalen Polen: im allzu lapidaren Stil derer, die Philosophie bloss bestsellerlistentauglich machen wollen, landen philosophische Ratgeber im Handel allzuoft zwischen den Geschenkbuchbanalitäten. Kommen sie aber ungeschönt aus der Fakultät, ist ihr Weg in die hinteren Regale der...
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Rezension
Bern–München: 6 Stunden, 57 Minuten
Von Francesco Micieli
«Es ist nicht vorgekommen, dass ein Buch einfach verschwunden wäre», sagt Wittgenstein. Auch in diesem Fall hat er recht: dieses Buch ist wie ein Trojaner, es geht mir nicht aus dem Kopf. Es drang ein und besetzte die wichtigen Schaltflächen, macht mich zunehmend willenlos. «Man nehme Silber und Knoblauch, Erde und Salz» von Ursula Timea Rossel ist eine Anweisung in nicht bloss ästhetisch ansprechender Form. Hält man es in den Händen, weiss man,...
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Kurze Sätze über Grate
Alphonse Daudet: Tartarin in den Alpen. Die Besteigung der Jungfrau und andere Heldentaten. Zürich: AS Verlag, 2011.
Von Markus Rottmann
«...und immer diese Schmerzen! Wenn wir erst unsere Lungen zu Reibeisen keuchen und der Eissturm sich in unseren Gesichtern festbeisst, wenn er am Rucksack zerrt und mit Millionen Nadeln selbst eisernsten Willen zu durchlöchern sucht – auf diesem geisterhaften Gletscher mit seinen Spaltenmündern, die einem in diesen Stunden der Schrecken wie einladende Kuhlen vorkommen, in die man sich am liebsten hineinlegte und alles wäre gut. Vorbei. Der Strapazen schneeweiches...
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Über Berge und Gräben
Von Tommaso Soldini
Angefangen habe ich wie alle mit den Slotmaschinen. «Lass uns ins Kasino gehen!» Da ist immer irgendein interessanter Typ oder ein Kumpel, der dich an einem Mittwoch um zehn Uhr abends in der Bar erwischt, wenn in Mendrisio Friedhofsruhe herrscht und das Leben nur noch im Admiral weitergeht, dem Kasino mit seiner protzigen Fassade und den drei lieblos hingestellten Wänden, die das Gebäude aufrecht halten. So wie sich manche nur die Schneidezähne putzen, weil sie dann...
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