Von Michael Wiederstein
Liebe Leser
Verdächtig, dass sich die Welt im Jahr 2011 wieder vermehrt über Grenzen unterhält: vornehmlich geht es zwar um Währungs- oder Schuldengrenzen, aber auch die Landesgrenze erfreut sich neuer diskursiver Beliebtheit. Distinktion scheint das Gebot der Stunde. Nicht so in der Literatur: hier werden mannigfaltige Zu- und Einflüsse begrüsst, prägen gar das Bild. 
Davon zeugt auch unsere aktuelle Ausgabe. Blättern Sie einmal! Da schreibt ein » Mehr
Der Zürcher Autor Catalin Dorian Florescu
Von Klaus Hübner
Über die Zustände im Rumänien der Ceausescu-Jahre sind in letzter Zeit immer mehr Details bekannt geworden, und meist keine erfreulichen. Man darf unbesehen sagen: Wer 1967 in Temeswar oder vielmehr Timisoara geboren wurde und dort aufwuchs, hat es, nimmt man einen Gleichaltrigen aus Zürich zum Vergleich, nicht ganz einfach gehabt. Die Gegenwart aber ist im Fall von Catalin Dorian Florescu gar nicht so übel. Der ausgebildete Psychologe und Suchttherapeut ist ein weithin
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Sein bevorzugtes Werkzeug ist das literarische Skalpell: Peter Stamm seziert die Gesellschaft wie kein anderer Schweizer Gegenwartsschriftsteller. Unter dem Deckmäntelchen des literarischen Kleinods brodelt es! Ein Gespräch über Rebellen im Thurgau, gefühlsechte Romantiker und den erziehungsbedürftigen Max Frisch.
Von Peter Stamm, Michael Wiederstein
Herr Stamm, Sie haben dieses Jahr schon alle möglichen Fragen beantworten müssen. Beginnen wir also einmal andersherum: worüber möchten Sie heute gerne sprechen? 
Über den Euro vielleicht?
Wieso über ein so trockenes Thema? 
Ganz einfach: ich bin bei einem deutschen Verlag. Ich bin ein Opfer der Euro-Krise, insofern ich mein Einkommen weitgehend aus dem Euro-Raum erhalte.
Am Hungertuch nagen Sie aber hoffentlich noch nicht? 
Nein. Mir geht es
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Von Peter Stamm
Wir sind uns im Wald begegnet. Du lagst schlafend unter einem Baum, auf dem Gesicht ein Lächeln. Mehr als ein Lächeln, den Ausdruck vollkommener Ruhe und Gelassenheit. Ich wollte dich nicht stören. Dein Schlaf schien so licht wie der Wald. Ich habe mich neben dich auf den Boden gesetzt, die Beine angezogen und sie mit den Armen umschlungen. Zwei Bilder, ich und du, vor demselben Hintergrund. Kann man sich verlaufen, wenn man kein Ziel hat? Wärst du erwacht, ich
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Erika Burkart, Ernst Halter: Nachtschicht / Schattenzone. Gedichte. Frankfurt a.M.: Weissbooks, 2011.
Von Silvia Hess
«Verzweiflung // Wie in den Morgen kommen, / wenn gegen vier / der Tod mit zehrenden Schmerzen / aus den Sterbelöchern der Welt / mich überfällt?» Wie sprechen über ein solches Gedicht – über Gedichte «einer Sterbenden», wie es im Vorwort von Ernst Halter heisst? Die Texte, ein Jahr nach Erika Burkarts Tod veröffentlicht, sind allesamt Zeugnisse ihres langsamen Verlöschens. Solange die Krankheit es zuliess – auch noch im » Mehr
Karl-Gustav Ruch: Hinter der Wand. Zürich: Edition 8, 2011.
Von Katharina Knorr
Karl-Gustav Ruch spaziert am Flussufer des Lebens. Neugierig und sehr genau beobachtet er, wie es sich neben ihm bewegt, kräuselt, beschleunigt, überschlägt. Und er beschreibt, wer darin lebt: wer unter- oder auftaucht, was darin treibt und was die Wellen bricht. Ruch schreibt vom Alltag in Zürich und Barcelona, von den Menschen, die sich in breiten Strömen über die Rambla er-giessen, und vom Besonderen, dem Einzelnen in der Menge, den er heraushebt: von Curro zum » Mehr
Martin Suter: Allmen und der rosa Diamant. Zürich: Diogenes, 2011.
Von Sabine Kulenkampff
Diogenes hält seit meinen Urlesezeiten am «Weiss mit Rähmchen, buntem Bildchen, schwarzer Schrift» fest, erfreulicherweise inzwischen standardmässig mit Lesebändern. Hier also findet die gequälte Seele Kontinuität, erst recht, wenn die gewohnte Form mit Inhalten eines vielschreibenden, zuverlässigen Autors gefüllt wird, und vollends, wenn dieser eine Serie beginnt, die gar Hommage an ein Genre sein soll: Martin Suter hat mit «Allmen und » Mehr
Claus Helmut Drese: Monsieur Simon Simon. Ein europäisches Leben. Zürich: NZZ Libro, 2011.
Von Michael Harde
«Ein Jüngling liebt ein Mädchen, die hat einen anderen erwählt», dichtete Heinrich Heine – und liefert damit die Antwort auf die Frage, warum der im Februar 2011 verstorbene Claus Helmut Drese eine eher halbherzige Biographie über «Monsieur Simon Simon» verfasst hat. Natürlich hat Sigismond Simon alias Pelzhändler Schwarz alias Baron von Stern, oder wie Simon Simon in seinem hundertjährigen Leben auch hiess, ein Buch als Zeugnis » Mehr
Jürg Amann: Letzte Lieben. Zürich/Hamburg: Arche, 2011.
Von Klaus Hübner
Wenn immer mehr Zeitgenossen das Leben hauptsächlich als Kampf begreifen, werden die Liebenden umso wichtiger. Ein seit Jahrzehnten im literarischen Leben der Schweiz präsenter, vielfach ausgezeichneter und seit seinen ersten Büchern als ungewöhnlich feinsinniger Ästhet bekannter Liebender ist der mittlerweile 64jährige Zürcher Jürg Amann. Auch die zehn Erzählungen seines jüngsten Buches, die alle davon handeln, dass mit der Liebe, versteht man » Mehr
Christian Uetz: Federer für alle. Basel: Echtzeit, 2011.
Von Michael Pfister
Zum ersten Mal rüttelte mich Christian Uetz an einem späten Freitagnachmittag Ende der achtziger Jahre aus meinem Studentenschlummer. Im Hörsaal 217 der Uni Zürich entwand er dem Philosophieprofessor das Nietzsche-Zepter, schnurrte und säuselte, trommelte gegen die Tafel, reckte die «Fröhliche Wissenschaft» auf dem Handteller gen Himmel, tobte wie ein Sidian, das sei kein Buch, sondern Dynamit. Der philosophische Poet übertrumpfte die Analyse durch » Mehr
Jürg von Ins: Papa tabu. Die Heilung eines Prügelknaben in Afrika. Zürich: Wolfbach, 2011.
Von David Signer
Immer wieder haben Ethnologen die wissenschaftliche Sprache ihres Faches als Prokrustesbett empfunden, wenn es ihnen darum ging, Phänomene einer fremden Kultur nicht nur zu analysieren, sondern auch adäquat zu beschreiben, im Leser zu evozieren. Aus diesem Versuch, die Ethnologie auf eine anschauliche, sinnliche, emotionale Art Richtung Literatur zu erweitern, entstanden Werke wie «Traurige Tropen» von Claude Lévi-Strauss oder die sogenannte Ethnopoesie eines Michel » Mehr
Dana Grigorcea: Baba Rada. Das Leben ist vergänglich wie die Kopfhaare. Zürich: KaMeRu, 2011.
Von Beat Mazenauer
Unter dem Zwergnussbaum ist die Zeit stehengeblieben. Baba Rada  liest das böse Schicksal aus den Karten, der tote Antim verkriecht sich in die Baumhöhlung, Ileana verlobt sich – und der alte Rotbart steckt schliesslich den Kopf ins Schilf. In ihrem Debütroman «Baba Rada» lässt Dana Grigorcea ihre Figuren in einem Erzählraum agieren, dessen Horizonte im gleissenden Sommerlicht oder bei eisiger Kälte ausbleichen. Das rumänische Donaudelta, » Mehr
Bern–Leukerbad: 2 Stunden, 10 Minuten
Von Francesco Micieli
Man ist nicht allein mit grauen Haaren in den Bahn-höfen. – Hatte meine Grossmutter, meine Grossmeisterin in der Erklärung des Lebens, graue Haare? Sie hatte nur einen Zahn, so viel weiss ich. Man ist aber allein, wenn man im Zug ein Buch liest! Ich reise nach Leukerbad zu den Schweizer Schachmeisterschaften. Um einen anderen Grossmeister zu sehen: Viktor Kortschnoi. In meiner Reisetasche: ein fremdes Buch. «Vom Leben gesättigt» von Peter » Mehr
Von Regina Dürig
Ich habe vergessen, die Bilderrahmen-Geschichte aufzuschreiben. Erinnerst du dich noch daran? Ich weiss nicht mehr genau, wann sie passiert ist, aber bestimmt in den Ferien. Und auch wenn sie in Wirklichkeit gar nicht so tragisch war, fand ich sie ziemlich schlimm. Vielleicht, weil mir die Fotos immer viel bedeutet haben.
«Wo sind denn eigentlich unsere Bilder hin?», fragt mich Sasa beim Frühstück. Wir tunken Löffelbiskuits in Milchkaffee.
«Welche
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Von Marius Daniel Popescu
Er war fast fünfzig, die meisten seiner Haare waren weiss, er ist zwei Tage nach dem Unfall von uns gegangen. In diesen zwei Tagen lag er im Koma, im Spital, wo sie ihn am Kopf operierten. Die Chirurgen, die ihn operiert haben, meinten, er könnte es schaffen. Sie haben ihm einen Teil des Schädelknochens entnommen. Sie hatten von seiner Frau eine Unterschrift für diesen chirurgischen Eingriff verlangt. Seine Frau hat unterschrieben, dass sie in die Risiken der Operation » Mehr
Von Zoe Jenny
Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen: in dem bekannten Märchen der Gebrüder Grimm verlässt ein bis anhin furchtloser Mann seine Heimat. Er hofft, in der Fremde die Bekanntschaft mit der Angst zu machen. Man könnte auch sagen: daheim ist es ihm zu eintönig.
Einem ähnlichen Trieb folgten viele meiner Schweizer Schriftstellerkollegen und ich: wer in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist, ist manchmal versucht, zu glauben, sie sei ein geschichts- und
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Michael Kropac / Daniel Silbernagel: Jura keepwild! climbs. Basel: Topo, 2011.
Von Markus Rottmann
Städte sind doch Malen nach Zahlen. Kein freier Raum, alles vordefiniert. Für viele ist das  eine Form von Geborgenheit, für andere von uns das Gefängnis. Schon immer war Bergsteigen auch eine Flucht. Dorthin, wo es keine Regeln mehr gibt, wo einem nur die eigenen Fähigkeiten bleiben, der Wagemut – und das Talent, am Leben zu bleiben. Aber das war nicht immer so. Die Leute flohen auch schon vor der erdrückenden Kirchenmoral, vor autoritären
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