Das Buch ist eine Ware

Das «Kulturgut Buch» ist zum Gegenstand ideologischer Grabenkämpfe geworden. Stirbt das Buch, wenn wir es politisch nicht beschützen? Ganz im Gegenteil.*
Von Markus Schneider

«Das Buch ist keine Ware», behaupten fleissige Buchhändler und stolze Verleger mit vereinten Kräften seit Jahr und Tag. Um ihre These kühn und laut abzuschliessen: «Sondern ein Kulturgut!»

Was edel klingt, ist scheinheilig, wenn nicht gar verlogen, von vorn bis zum Nachsatz. Das Buch sei ein Kulturgut? Ja, ist es tatsächlich. Aber wem haben wir es zu verdanken? Etwa uns stolzen Verlegern? Oder gar den fleissigen Buchhändlerinnen und Buchhändlern? Nein. Sondern den Autorinnen und Autoren allein, die in der stillen Kammer ein Produkt erschaffen, das im besten Fall – wenn ein Verleger mitmacht – als klassisches Buch auf dem Markt landet. Damit ist die Kultur bereits «am Ende». Jetzt beginnt das Feilschen um Margen und Prozente. Und dieses Feilschen läuft ganz ähnlich ab wie bei der Vermarktung von Shampoos, Äpfeln oder Glühbirnen. Es gibt Grossisten, Zwischenhändler und viele Endverkäufer, vom kleinen Laden um die Ecke bis zum Discounter. Alle diese Händler wollen auf ihre Rechnung kommen. Und das schaffen sie alle am leichtesten, wenn der Wettbewerb nicht allzu schweisstreibend wird. Genauso hätten es Buchhändler gern, die mit diesem Wunsch seltsamerweise von den meisten Verlegern unterstützt werden. Sie möchten die Preise mehr oder weniger fixieren. Abkarten. Im gegenseitigen Einvernehmen. Also ein Kartell bilden.

Zurzeit spielt (noch) ein richtig freier Markt. Wir Verleger empfehlen einen Preis, daran halten muss sich niemand. Der kleine Buchladen um die Ecke, Orell Füssli im Zentrum, der Discounter Ex Libris im Internet: alle dürfen ihre Preise frei bestimmen. Es herrscht Wettbewerb. Konkurrenz.

Derweil brütet der Autor das Kulturgut aus. Zum Beispiel Rolf Holenstein. Fünf Jahre lang werkte er an einer umfassenden Biographie über den «Erfinder der modernen Schweiz»: Ulrich Ochsenbein, erster Bundesrat, der bei der Ausformulierung der Bundesverfassung von 1848 die Feder führte. Später wurde er abgewählt, verfemt, verleumdet. Er verliess die Schweiz und wurde in Frankreich Brigade- und Divisionsgeneral. Holensteins umfassende Biographie ist 650 Seiten stark und erschien in unserem Echtzeit-Verlag, verkauft wird sie in jeder guten Buchhandlung. Zum Glück zu unterschiedlichen Preisen, wie das vorderhand noch möglich ist. Bei Ex Libris kostet das Buch 38.40 Franken, inklusive Porto und Verpackung. Damit ist Ex Libris mit Abstand der billigste Anbieter der Schweiz, noch günstiger als ein Direktimport via Amazon aus Deutschland. Im Laden von Marianne Sax in Frauenfeld dagegen kostet die Ochsenbein-Biographie 48 Franken. Damit hält sich Marianne Sax strikt an die Preisempfehlung unseres Verlags. Man könnte auch sagen: Frau Sax will mit gutem Beispiel vorangehen. Schliesslich ist sie Präsidentin des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV). Wie eine Löwin kämpft sie dafür, dass sich alle Buchhändler wie früher auch in Zukunft an die Vorgaben der Verlage halten müssen. Zwingend.

Wir vom Echtzeit-Verlag sehen das nicht so eng. Wir haben nichts dagegen, wenn unsere Bücher mal hier, mal dort etwas teurer oder billiger feilgeboten werden. Im Gegenteil: wir halten uns selber nicht an den von uns empfohlenen Preis. Auf unserer Internetseite und via Facebook offerieren wir die Ochsenbein-Biographie unseren vielen Freunden für 44 Franken, liefern das Buch portofrei mit der A-Post in einer eleganten schwarzen Verpackung, die dem Empfänger hoffentlich Freude bereitet.

Und was hat dieser Preiskampf für den Autor zu bedeuten? Nichts. Wir vom Echtzeit-Verlag geben uns alle Mühe, mit unseren Autorinnen und Autoren so fair wie möglich umzugehen. Denn wir wissen: ohne Autor kein Kulturgut, ohne Buch kein Verlag. Rolf Holenstein erhält für seine Ochsenbein-Biographie – wie alle unsere Autoren – zehn Prozent des Ladenpreises, den wir vom Echtzeit-Verlag dem Schweizer Buchhandel empfehlen. Pro verkauftes Buch ergibt das 4.80 Franken. Und zwar unabhängig davon, über welchen Kanal das Buch verkauft wird. Ob bei Ex Libris, via Amazon, im Laden von Marianne Sax oder direkt bei uns – Rolf Holenstein verdient überall gleich viel. Oder um es deutsch und deutlich zu sagen: Rolf Holenstein verdient überall gleich wenig: 4.80 Franken pro verkauftes Buch? Das ist ein mieser Lohn, selbst wenn die erste Auflage von «Ochsenbein», 3000 gedruckte Exemplare, nahezu ausverkauft ist – was für die Biographie eines bis dahin «Unbekannten» ein sensationeller Erfolg ist.

Aber man rechne: 3000mal 4.80 Franken sind 14 400 Franken Lohn für eine fünfjährige Leistung des Autors. Schuld an diesem miesen Gehalt ist aber nicht etwa der freie Buchpreis. Im Gegenteil. Gelingt es Ex Libris, dank den günstigsten Preisen in der Schweiz mehr Ochsenbein-Biographien zu verkaufen, profitiert davon nicht zuletzt sogar der Autor.

Und wie präsentiert sich die Rechnung aus Sicht des Echtzeit-Verlags? Genau gleich. Für uns gilt dieselbe Devise wie für unsern Autor Rolf Holenstein: das Buch muss verkauft werden, je öfter, desto besser. Unsere Marge nämlich ist überall gleich hoch. Oder um es deutsch und deutlich zu sagen: überall gleich tief. Von jedem in der Schweiz verkauften Exemplar bleibt nur der kleinere Teil des Verkaufspreises bei uns. Der grössere Rest versickert in der Handelskette: beim Grossisten, der die Bücher ausliefert, beim Zwischenhändler, der sie an die Läden verteilt, und am Ende bei den Buchhändlerinnen und Buchhändlern. Konkret bleiben uns ziemlich genau 46,5 Prozent des von uns empfohlenen Ladenpreises. Davon geben wir vom Echtzeit-Verlag 10 Prozent an den Autor ab, womit wir bei 36,5 Prozent angelangt sind. Mit diesem Anteil müssen wir den Druck bezahlen, den Transport, den Zoll, das Lektorat, das Korrektorat, die Illustration, die Gestaltung der Bücher, unseren Internet-Auftritt, die iPad-Applikation, etwas Werbung, die Mehrwertsteuer und vieles mehr.

Aber wir vom Echtzeit-Verlag wollen nicht jammern. Wir möchten einfach glaubhaft machen, dass es eine «kritische Menge» gibt, die wir verkaufen müssen. Das schaffen wir nur, wenn Discounter dafür sorgen, dass sie mit günstigeren Preisen grössere Mengen absetzen als zum Beispiel die Buchhändlerin Marianne Sax in Frauenfeld, obschon die sich alle Mühe gibt und fachkundig berät. Aber uns ist eben auch ein Billigversandhaus wie Ex Libris willkommen. Das ist doch gleichzeitig der einzige Sinn und Zweck der Kulturförderung: dass so viele Waren wie möglich den Weg zum Publikum finden.

So viel zum Kommerziellen. Und jetzt zum Inhaltlichen. Zum Politischen. Zum Kulturellen. Unser Autor Rolf Holenstein hat mit seiner Ochsenbein-Biographie etwas erreicht, was selten vorkommt: er hat der Person Ulrich Ochsenbein, die längst vergessen, die insbesondere in seinem Heimatkanton Bern sogar verpönt war, zu jener Bedeutung verholfen, die sie verdient hat. Endlich wird er sogar offiziell gefeiert. Am 11. November 2011 wurde in Nidau, seiner Heimatstadt, ein Denkmal für Ochsenbein enthüllt – von niemand geringerem als Bundesrat Johann Schneider-Ammann. An die Feier in der Kirche von Nidau, wo Ochsenbein einst viele seiner politischen Versammlungen abgehalten hatte, waren geladen: die sieben amtierenden Berner Regierungsräte, die beiden Ständeräte, alle Nationalräte des Kantons, der Stadtammann von Nidau, Altbundesrat Samuel Schmid und ein paar hundert andere Gäste.

Ohne den Autor Rolf Holenstein wäre Ochsenbein nie rehabilitiert worden. Ohne den Autor Rolf Holenstein hätte unser Echtzeit-Verlag nie einen solchen Erfolg feiern dürfen. Ohne den Autor Rolf Holenstein hätte der Buchhändler von Nidau nie so viele Ochsenbein-Biographien verkaufen können. Und ohne Rolf Holenstein hätte auch Ex Libris nicht so viele Ochsenbein-Biographien abgesetzt. Daraus dürfen ruhig auch die heutigen Politikerinnen und Politiker ihre Lehren ziehen. Zum Beispiel indem sie, wenn sie schon das Kulturgut Buch fördern wollen, am besten einen Autor wie Rolf Holenstein direkt unterstützen. Das ist auf jeden Fall gescheiter, als der ganzen Branche eine kartellistische Preisbindung zu erlauben.

Und falls Sie, liebe Leserin, lieber Leser, die Ochsenbein-Biographie noch nicht besitzen: kaufen Sie das Buch dort, wo Sie Ihre Bücher kaufen wollen: Gut beraten in der fein sortierten Buchhandlung in Ihrer Nähe, beim Discounter, wo es am billigsten ist, oder direkt beim Verlag, womit Sie das Kulturgut Buch am wirkungsvollsten fördern.

 

 


 

* Die Abstimmung über die Wiedereinführung der Buchpreisbindung findet am 11. März 2012 statt.



Kommentare zu diesem Artikel

Matthias Leitner
30. Januar 2012 15:02
Super Text! Er trifft es auf den Punkt. Noch einige Gedanken meinerseits: Das Buch ist der Kulturträger, jedoch an sich nicht per se Kulturgut. Das Medium ist in diesem Sinne lediglich sekundär und hat vermittelnde Funktion. Neue Medien wie eBooks sind dabei eine Chance, Kultur weiter an ein neues Publikum zu bringen. Man muss das eBook also als Chance betrachten und nicht als Gefahr für das Buch.
Hinter der Förderung des Autors kann ich absolut stehen, dabei gibt es auch Möglichkeiten wie eine Gutschrift pro verliehenes Buch in der Bibliothek. Wird die Buchpreisbindung jedoch angenommen, wird auf Jahre hin eine solche Lösung, sei es diese Lösung, Direktzahlungen oder andere, verunmöglicht.
Heinz Scheidegger
30. Januar 2012 17:00
Sehr geehrter Markus Schneider

Zuerst einmal Gratulation: in einen Abstimmungs-Artikel gleich eine ausführliche Werbung für ein Buch aus dem eigenen Verlag unterzubringen, ist von der PR her eine »saubere« Leistung – ich würds eher etwas »anrüchig« nennen –, und die Redaktion des Schweizer Monats hats geschluckt; wieso auch immer…

Nun, wir von der edition 8 sind, wie fast alle Verlage in der Schweiz, mit ganz wenigen Ausnahmen, der gegenteiligen Meinung: die Buchpreise sollten am 11. März unbedingt wieder fixiert werden, also das Buchpreisbindungsgesetzt angenommen werden – wie es auch in unseren Nachbarländern Frankreich, Italien, Oesterreich und Deutschland gilt. Nicht dass das katastrophale England, wo die Buchpreisbindung vor bald 15 Jahren abgeschafft wurde, auch noch in der Schweiz Einzug hält.
Über das Kulturgut Buch und die unterschiedlichen Ansichten dazu von Ihnen und mir, gäbs ellenlang zu schreiben. Ich lass Ihnen Ihre Meinung. Entgegnen möchte ich nur auf einige Stellen in Ihrem Artikel:
»Zurzeit spielt (noch) ein richtig freier Markt. Wir Verleger empfehlen einen Preis, daran halten muss sich niemand.«
Wieso empfehlen Sie dann noch einen Preis, wenn er denn gar nicht benötigt wird? Also lassen Sie doch gleich die Discounter überlegen, für wie viel sie Ihr Buch verkaufen wollen. Darfs denn auch ein Super-Super-Discountpreis von sagen wir 20 oder 15 Franken für die 48-Franken-Biografie sein?

»Gelingt es Ex Libris, dank den günstigsten Preisen in der Schweiz mehr Ochsenbein-Biographien zu verkaufen, profitiert davon nicht zuletzt sogar der Autor.«
Sie gehen also davon aus – wie viele Shampoo- und Glühbirnen-Hersteller – dass je billiger ein Produkt feilgeboten wird, je mehr davon verkauft (und also gelesen, vershampooisiert und verglüht) werden kann. Wir hingegen sind der Ansicht dass, wenn bei ex libris mehr Ochsenbeine verkauft werden, woanders weniger verkauft werden, weil der Ochsenbein-Markt beschränkt und definiert ist. Ein Buch wird wegen dem Inhalt und dem Interesse daran und nicht wegen dem Preis gekauft. (Oder wasche ich mir die Haare dreimal täglich anstatt einmal wöchentlich, nur weil das Shampoo so drecksbillig ist?) Warum bieten Sie Ihren Ochsenbein nicht gleich im Doppel- oder Viererpack an?

Der Verlag errechnet nach Berücksichtigung aller Faktoren seines Aufwandes den richtigen und fairen Ladenpreis. So dass alle Beteiligten zu ihrem Verdienst kommen. Wenn nun dieser Ladenpreis nicht mehr erzielt werden kann, muss sich ja jemand diese Differenz ans Bein streichen. Zurzeit sind es noch die Discounter (oder sie entschädigen sich, indem sie ein anderes, weniger gefragtes Werk einfach verteuern und weil die Kunden den Ladenpreis nicht mehr kennen, merken sie das nicht mal). Geht die Abstimmung am 11.3. bachab, wird also der freie Ladenpreis endgültig, so werden die Discounter bald bei den Auslieferungen vorstellig werden und mehr Rabatte verlangen. Die Auslieferungen gehen dann auf die Verlage zu und wollen tiefere Preise. Und die Verlage können das natürlich nicht »auf sich sitzen lassen« und sie gehen zum letzten Glied in der Kette, den AutorInnen. Dann sind die 10% für Ihren Herrn Holenstein nicht mehr gewährleistet.

Mit freundlichen Grüssen
Heinz Scheidegger, edition 8
Stefan Häberli
31. Januar 2012 03:16
Sehr geehrter Herr Scheidegger,

Sie behaupten: "Ein Buch wird wegen dem Inhalt und dem Interesse daran und nicht wegen dem Preis gekauft."
Das ist falsch. Das in der Ökonomie völlig unbestrittene Gesetz der Nachfrage besagt, dass die Nachfrage nach einem Gut mit fallendem Preis zunimmt. Dieses Gesetz gehört zu den theoretisch und empirisch fundiertesten "Gesetzen" der Sozialwissenschaften.

In der real existierenden Welt verfügt jeder Konsument über beschränkte finanzielle Mittel. Auch in einem reichen Land wie der Schweiz kann sich ein Konsument nicht beliebig mit Film-DVDs, Musik-CDs, Schallplatten, Rotwein oder eben Büchern eindecken. Folglich müssen Konsumenten auf Waren bzw. "Kulturgüter" verzichten, die sie eigentlich interessieren würden. Da das Budget beschränkt ist, kaufen die Konsumenten die Waren, welche ihnen pro ausgegebenem Franken am meisten Spass, Nutzen, Befriedigung (whatever!) bieten. Werden Bücher relativ zu anderen Gütern billiger, rutschen sie in der Kosten-Nutzen-Hierarchie nach vorne. Deshalb werden mehr Bücher gekauft.

Konkret: Ein Ochsenbein-Buch (ca. CHF 40.-) entspricht für mich als Student ungefähr vier Mensa-Mittagessen. Anders formuliert: Ich müsste auf vier Mittagessen verzichten, wenn ich mir das Buch kaufen wollte. Ich finde dies jedoch unverhältnismässig teuer, weshalb ich das Buch trotz Interesse nicht kaufe. Halbierte sich der Preis des Buches jedoch, müsste ich nur noch zwei Mittagessen auslassen, um mir das Buch leisten zu können. Dann würde ich es ziemlich sicher kaufen.

Ja zum Buch ohne Preisbindung!
Hannes Tetzlaff
01. Februar 2012 20:56
Sehr geehrter Herr Häberli,

Sie schreiben:

"Das in der Ökonomie völlig unbestrittene Gesetz der Nachfrage besagt, dass die Nachfrage nach einem Gut mit fallendem Preis zunimmt. Dieses Gesetz gehört zu den theoretisch und empirisch fundiertesten "Gesetzen" der Sozialwissenschaften. "

Das ist mit Einschränkungen ebenso falsch. Die Preiselastizität der Nachfrage ist innerhalb bestimmter Grenzen (von denen wir mal annehmen wollen, dass Sie eingehalten werden im aktuellen Buchbepreisungssystem) in erster Linie stark von der Substituierbarkeit des nachgefragten Gutes abhängig. Soll heißen: Wenn Sie eine Alternative zum neuen Ken Follet haben, die billiger ist, dann greifen Sie zu - nun gibt es aber auch eingefleischte Ken Follet Fans, denen es herzlich egal ist, ob nicht der neue John Grisham drei Franken weniger kostet.

Zudem ist die von Ihnen unbestritten genannte, auch "empirisch fundierte Wahrheit", ebenfalls unzutreffend. Das Nachfrageverhalten von Konsumenten ist in höchstem Maße nichtlinear, sodass das Gesetz wie von ihnen formuliert so nicht gültig ist. Dieses Gesetz hängt vom Gut ab. Die Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln ist ein Beispiel dafür. Essen muss man - ob das Brot jetzt teurer ist oder günstiger. Vielleicht für Sie interessant (aber nicht zu diesem Thema gehörend): Die Stichworte Einkommenseffekt und Substitutionseffekt bei Preisänderungen.

Das aus meiner Sicht grundsätzlich falsche Verständnis des oben besprochenen Problems ist, dass m.E. nicht Buch A gegen Buch B konkurriert und damit nicht Buch A durch Buch B substituierbar ist, weil man ein Buch des Inhalts wegen erwirbt. Deshalb stehen Bücher auch nicht in Wettbewerb miteinander. Wer käme auf die Idee, Dostojewski mit Kafka zu Goethe zu vergleichen?

Der Wettbewerb findet zwischen den Buchläden über die Atmosphäre der BUchläden, Beratung und Auswahl. Es ist damit ein Wettbewerb um den Umsatz - wer kriegt wie viel vom Kuchen, der einen, wie ich ebenfalls denke, "definierten" (d.h. mit festem Marktvolumen) Markt darstellt.


Gruß,
Hannes T.
Stefan Häberli
02. Februar 2012 13:35
Sehr geehrter Herr Tetzlaff,

Ich bestreite nicht, dass die individuelle Nachfrage von einzelnen Ken-Follet-Fans fast vollständig preisunelastisch sein kann. Es ist auch durchaus denkbar, dass ein paar wenige Menschen bei hohen Buchpreisen mehr Bücher kaufen würden, um ihren Status zu signalisieren.
Auf der aggregierten Ebene (Gesamtnachfrage nach Follet-Büchern in der Schweiz) spielen diese Individuen freilich keine Rolle. Dort wird netto die Nachfrage bei sinkenden Preisen ganz sicher zunehmen. Daran ändert auch der von Ihnen erwähnte Einkommenseffekt nichts. Dass der Einkommenseffekt bei Büchern stärker sein soll als der Substitutionseffekt (es sich also um ein Giffen-Gut handelt), ist höchst unplausibel.

"Wer käme auf die Idee, Dostojewski mit Kafka zu Goethe zu vergleichen?"

Sehr viele Menschen (z.B. ich)! Natürlich gibt es einzelne Kafka-Freaks, die auch 1'000 Franken für ein Taschenbuch von ihm bezahlen würden. Das ändert aber nichts daran, dass auf aggregierter Ebene bei tiefen Preisen mehr Kafka-Bücher verkauft werden.

Zudem ist es ein Irrtum, den Buchmarkt isoliert zu betrachten. Bücher stehen nicht nur in Konkurrenz zu anderen Büchern. Sie stehen auch in Konkurrenz zu e-Books, Kino- oder Konzert-Tickets und sogar Playstation-Games. Auch wenn es von der Elfenbein-und-Kulturgut-Fraktion dezidiert bestritten wird: Das Buch wird von den allermeisten Menschen (bewusst oder unbewusst) als kommode Ware zur Freizeitgestaltung wahrgenommen. Steigen die Buchpreise, verbringt ein Teil der Konsumente seine Frezeit halt irgendwie anders. Oder man geht in die altmodische Bilbliothek.

Freundliche Grüsse
Stefan Häberli





Alice Gabathuler
27. Februar 2012 15:16
"Ein Buch wird wegen dem Inhalt und dem Interesse daran und nicht wegen dem Preis gekauft." Einverstanden, aus der Sicht jener, die genügend Geld haben. Aber dann braucht es auch keine Buchpreisbindung, denn dann kaufe ich das Buch im Laden meiner Wahl und das wird immer der lokale Buchladen sein, egal, ob er mir dafür 5 Franken mehr aus dem Geldbeutel zieht als die Billig-Buchladenkette.

"Ein Buch wird wegen dem Inhalt und dem Interesse daran und nicht wegen dem Preis gekauft." Nicht einverstanden aus der Sicht des Lehrlings, Studenten, Niedriglohnarbeiters. Für diese Menschen wird die Preishürde irgendwann zu hoch - und die Buchpreisbindung kontraproduktiv (wie war das mit dem Zugang zu Büchern für - fast - alle?).

Was, wenn die ungeklärte Frage, ob er ausländische Online-Handel ausgeschlossen wird, nach der Abstimmung nicht im Sinne der Befürworter entschieden wird?

Was, wenn die ausländischen Verlage die Preis zu hoch ansetzen (wie bei den Zeitschriften)? Und der Preisüberwacher auch hier in etwa die gleiche Durchsetzungskraft haben wird wie bei den Zeitschriften (die ich seit Monaten aus Protest gegen die zu hohen Preise nicht mehr kaufe)?

Was, wenn wir nach der Abstimmung erst einmal durch rechtliches Niemandsland irren und sowohl Gegner als auch Befürworter der Buchpreisbindung sich erst einmal verraten und verkauft fühlen, egal, wie die Abstimmung ausgeht?

Was, wenn eBooks doch noch einen kleinen Siegeszug antreten?



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