Hermann Burger wäre am 10. Juli 2012 siebzig Jahre alt geworden. Er gehört zu den talentiertesten Schriftstellern der 1970er und 1980er Jahre, und doch hat man ihm zu Lebzeiten ­immer wieder vorgeworfen, sein Werk sei, in allen Frech- und Freiheiten, nicht gut genug, es sei etwas zu leicht, zu reisserisch. Erst post festum hat man erkannt, dass aller Glanz gedeckt war durch die steinharte Währung des Todes.

Vor dem Tod gibt es keine bürgerliche Verwegenheit. Die einzigen Regeln, die vor ihm ­Geltung beanspruchen dürfen, vielleicht, sind jene der Kunst. Burger nahm aus tiefen Gründen den Mut zum artistischen Wagnis, in der Satzkonstruktion wie in der Unkonventionalität
seines Wortreichtums. Er fährt ein vokabulares Geschütz auf, gegen das kein ernstes Kraut ­gewachsen ist. Wo er auf Tradition stösst − also überall −, auf besetztes Gebiet, Kulturland und Vielgesagtes, setzt er dem ein Experiment entgegen. Der gelehrte Dichter, von Emil Staiger ­germanistisch sozialisiert, Privatdozent für deutsche Literatur, bewandert nicht nur in der Fried­hofskunde, sondern überhaupt in allen wichtigen Weltwissenschaften, macht von seiner Bildung den geschicktesten Gebrauch. Sein hocherotisches Verhältnis zum Kunstmaterial, seine kulturhistorischen Zitate und Anspielungen sind legendär. Ein Gross- und Feinstgewebe von Parodie, Travestie, Satire, intertextueller Wilderei prägt seine polyphonen und mythendurchtränkten Werke. In jedem Satz singt und schwingt das Ungeheure mit. Burger spielt mit dem Irrwitz, dem Skurrilen, dem Komisch-Absurden. Er treibt das sogenannt Normale ver­gnüglich ins Groteske, ohne es letztlich aber zu verfremden. Sein Realismus wird vielmehr den abersinnigen Tiefen, Spitzen und Brüchen der Wirklichkeit gerecht.

Als Tarnreden stechen seine Werke nicht hervor. Burger sucht den Auftritt und Applaus. Da ist unverkennbar ein exhibitionistischer Confesseur am Werk. Schaut her, ruft er, meine ­Figuren sind Figurationen meiner selbst. Ich bin es immer, ich, selbst eine multiple Kunstfigur. Er zelebriert seine Wortalchemie, er präsentiert sich als Enumerationsvirtuose. Seine über­langen Sätze stellt er hin mit rhetorischer Gebärde: Seht nur, wie ich zu glänzen weiss! Mach’ ­einer mir dieses Höllenkonstrukt nach!

Stets geht es, in den Grundfiguren des Salto mortale und der Abschiedsvolte, ums Ganze. Einbildungskräftige Erzähler und Figuren in Notlage, immer kurz vor dem finalen artistischen Bankrott, doch pseudologisch versiert, reihen sich bei ihm unter die Blendwerker, Tausend- und Teufelskünstler, Unterhaltungszauberer, Grossillusionisten, Kunstgriffartisten, Trickspieler. Burger macht aus dem peinlichen Erdenrest ein grandioses Wortspiel, das das lebensweltliche Defizit ein Feuerwerksleuchten lang zu kompensieren vermag. Mit dem Hokuspokus-Dasein aufs engste verbunden ist das Pathologische. Das Leben eine moribunde Veranstaltung, dekadente Unreinlichkeit und Abweichung vom ungeschiedenen Nichts; das Sein ein Fehltritt des Ewigen − auf dieser existentiell-todesschwangeren Bühne werden Burgers suizographisch erfahrene ­Figuren alle zu «Omnipatienten».

Zuletzt ist Burger, jungianische Psychologeme unbeschwert übernehmend, auf der Suche nach der Urmutter, deren Brutwärme er fürchtet, der Geliebten, deren Dämonie er scheut. ­Immer ist er unterwegs zu fernen Küsten und Kontinenten, von denen er weiss, dass er sie nie ­erreichen wird, solange nicht der Tod die Regie übernimmt, und so unterhält er sich − und uns − unterwegs mit seiner Kunst. Er wird zum Märchenerzähler, der mit dem Licht seiner Fabulier­lust Nacht und Nichts für kurze Stunden bannt. Auf den folgenden Seiten wollen wir an ihn ­erinnern.