Es ist Sonntag. Mit grossen Schritten, wie ein Legionär Cäsars, schreite ich zur Zeitungsredaktion, die mein Schlachtfeld ist. Oder Arbeitsplatz. Ein paar Monate noch als Lehrling, dann werde ich zum entlöhnten Arbeiter, zum Journalisten. Als der Direktor mir meine künftige Einstellung eröffnete (es ist eine bescheidene Provinzzeitung, aber sie hat eine gewisse Würde, einen Direktor), verwies er auf einen italienischen Privatdetektiv, einen gewissen Machiavelli Niccolò, der sagt, dass es auf der Welt drei Gehirnarten gebe: Die eine begreife die Dinge von selbst; die zweite begreife, was ein Fähiger erkläre; die dritte begreife vor lauter Blödheit rein gar nichts, null Komma null, auch nicht mit Hilfe anderer.

Nach Meinung des Direktors gehöre ich der zweiten Kategorie an, mit einer grossen Wahrscheinlichkeit, reifer werdend in die erste aufzusteigen. Ich muss mich jedoch vor einem für Journalisten fatalen Fehler hüten, einem Fehler, den ein junger und bereits bekannter italienischer Kriminologe, ein gewisser Alighieri Dante, ins Licht gerückt hat (der Direktor verwendet gern diesen sonntäglichen Ausdruck), und zwar entferne sich vom Ziele derjenige (sagt dieser Alighieri), der seinen Gedanken erlaube, einer über dem anderen emporzuquellen, indem er zu viele Dinge miteinander verknüpfe, sie übereinanderschichte; denn so entziehe er dem Gedanken, dem Hauptthema, Energie, schwäche ihn durch zu viele Abschweifungen. Man muss stutzen und beim Thema bleiben, nicht abschweifen, stutzen wie ein guter Weinbauer.

Falls ich nach der Fahnenkorrektur – meine langweilige, aber einfache sonntägliche Aufgabe – ein Loch stopfen muss, eine Spalte schreiben für die Kulturseite, die die meisten überspringen, rede ich diesmal über die Unterhosenliga. Das Thema, der Gegenstand, ist die Beresina, die für Napoleon und seine Soldaten auf dem unglückseligen Russlandfeldzug so verheerend war. Doch was hat die Beresina mit der Unterhosenliga zu tun? Dazu muss ich, in der Hoffnung, dass dieser Kriminologe, Alighieri, meinen Artikel nie sehen wird, die Vorgeschichte erzählen.

Wir waren zu einer alten Alphütte hinaufgestiegen. Da deren Dachschindeln aufgrund ihres ehrwürdigen Alters den Kampf gegen das Regenwasser verloren hatten, mussten sie herunter-genommen und durch Bleche ersetzt werden. Das musste schnell gehen, weil an dem Samstag eine richtige Sturzflut im Anzug war. Die vier Grossen entfernten in aller Eile die Schindeln und warfen sie auf die Wiese hinunter. Ich und ein anderer Junge hatten den Auftrag, sie aufeinanderzustapeln.

«Schnell, es fängt gleich an zu regnen», rief der Mann, der den Befehl führte. Als die Blechtafeln endlich oben waren, hatten wir zwar die Hütte gerettet, waren aber alle nass. Wir stürzten in die nun gut gedeckte Hütte, der Chef machte ein anständiges Feuer.

«Alle ziehen sich Jacke und Hosen aus, wir hängen sie hier am Joch zum Trocknen auf», ordnete er an. Mit Joch meinte er den drehbaren Holzbügel, an dem man den Kessel mit der Alpenmilch über das Feuer hängt. Das war eine gute Idee. Sah ich die Männer zum ersten Mal in langen Unterhosen? Ja. Mit diesen langen Unterhosen kamen sie mir vor wie die Soldaten im Lexikon, das man uns in der Schule gezeigt hatte, Soldaten auf dem Rückweg von irgendeinem Russlandfeldzug oder einer Belagerung in Spanien. Aber bei uns gibt es keinen Krieg, wir Schweizer sind seit Marignano abstinent, neutral. Die vier Bauern liessen Brot und Salami herumgehen und zur Befeuchtung des Schnabels, wie sie sagten, die heilige Korbflasche. Irgendwann platzte der Jüngste und Schweigsamste der vier heraus: «Fürstlich haben wir es hier, fehlt nur die Dienerin.»

Die anderen drei von der Unterhosenliga brachen in herzhaftes Gelächter aus. Wieso eine Dienerin, überlegte ich bei mir. Da ist aber noch etwas, schien mein kleiner Finger zu sagen. Nur meine Mutter redete vom kleinen Finger. Wenn sie uns zwei oder drei Mal im Jahr ein grosses Geheimnis verriet und jemand von uns fragte: «Wer hat dir das gesagt?», antwortete sie lachend: u mé didìn, mein kleiner Finger.

Mein kleiner Finger sagte mir: Hinter den langen Unterhosen und deiner Unterhosenliga steckt noch mehr. Sie sind das Symbol einer verborgenen Geschichte. In der Schule hat man euch beigebracht, dass die Neutralität der Schweiz mindestens seit 1648, seit dem Westfälischen Frieden nach dem Dreissigjährigen Krieg, von allen Seiten anerkannt wird, bis heute. Ein beneidetes und auch bekämpftes Privileg: diese opportunistischen Schweizer, Pazifisten aus Eigennutz, während andere unter Kriegen leiden, die sich zwar nicht rechtfertigen lassen, unter denen dennoch gelitten werden muss. Es verhält sich aber anders. Und ich gebe dir, sagte mein kleiner Finger, ein Beispiel. 1803 beförderte Napoleon Bonaparte das «Tessiner» Land von einer «Vogtei», die den Deutschschweizer Kantonen untertan war, zu einem unabhängigen, souveränen Kanton. Und er schenkte den Namen für den Kanton (nach französischem Vorbild: der Name des durchfliessenden Hauptflusses), und er schenkte die Farben, das Rot und Blau der Flagge, die Farben von Paris. Zu viel der Güte, gnädiger Herr Napoleon. Es verhält sich aber anders. Der gnädige Herr Napoleon liess sich natürlich bezahlen. Das neugeborene Tessin musste ihm, wie übrigens auch die anderen Kantone, ein bisschen Kanonenfutter liefern, das man in den Kampf für das liebliche Frankreich schicken konnte. Da wollte, vielleicht mit Ausnahme von Verzweifelten, keiner hin. Der neugeborene Kanton war zwei Jahre alt, man schrieb das Jahr 1805, als der Landammann (der Chef der eidgenössischen Tagsatzung, also der Schweizer «Regierung», die zwangsläufig ein Satellit des napoleonischen Frankreichs war) «sich gezwungen sah, die Kantonsregierungen ernsthaft auf den Krieg aufmerksam zu machen, der zwischen Frankreich und Österreich auszubrechen drohte, und sie aufzufordern, die Kontingente für den Aufruf bereitzuhalten, der sie von einem Tag auf den anderen erreichen konnte» (so schrieb der beste Tessiner Politiker, Stefano Franscini, in seinen Annalen, die ich plündern werde, falls ich einen Seitenfüller schreiben muss). «Die Kontingente bereithalten.» Das ist leicht gesagt. Aber hier, zwischen Sagen und Tun, geriet der arme Binnenkanton Tessin in ein Meer von Schwierigkeiten. Das Milizheer hatte weder Uniformen noch Ausrüstung. Das Kontingent bekam Uniformen aus herrlich leichtem grauem Tuch; es soll Ausschussware des nicht eben renommierten italienischen Kommissariats gewesen sein. Glücklicherweise trugen manche darunter lange Unterhosen und eine Wolljacke, und dazu auch ein gutes Hemd und nicht ganz so erbärmliche Schuhe wie manche aus dem Flachland, deren Schuhe so ausgetreten waren, dass die Schwyzer Regierung Erbarmen hatte und aushalf. Es ging nicht nur darum, den Gotthard zu überqueren, kein Kinderspiel wegen des Schnees; es ging darum, sich der mörderischen Kälte zu stellen, dem Hunger und der russischen Guerilla, der Beresina und den endlosen Ebenen Russlands. Nein, Tessiner, die mit dem russischen Winter spielen wollten, waren sehr selten. Soldat werden bedeutete für einen Maurer und erst recht für einen Stuckateur oder Architekten, dass er in seinem Beruf versagt hatte oder arbeitslos war. Es war ein Beruf, der vielleicht als letzte Zuflucht für einen von der heimatlichen Justiz verfolgten «Straftäter» aus der Lombardei angehen mochte. Für einen, der sich in das Schweizerland flüchtete und, in Lumpen gekleidet, von den Schweizer Regimentern anwerben liess – als Tessiner. «Unter falschen Namen und Angaben warb man verfolgte Wehrpflichtige und Refraktäre als Tessiner an.» Allgemeine Abscheu also gegenüber dem Militärdienst, der nichts anderes bedeutete, als dass man dem fast sicheren Tod entgegenging.

Arme Unterhosenliga. Aber doch nicht so arm, doch nicht solche Pechvögel wie die Abertausenden der italienischen Unterhosenliga. Nicht nur im 19. Jahrhundert, sondern auch im nahen 20. Jahrhundert.

Die italienische Unterhosenliga während des Zweiten Weltkrieges von 1939 bis 1945 in Russland bestand nicht nur aus Bauern, wie es die vier wegen der Reparatur zur Hütte hinaufgestiegenen Männer waren. Auch die Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco waren nicht nur Bauern gewesen. Auf dem Russlandfeldzug trugen die Männer der Unterhosenliga des Kriegs – unter all den Leuten, die Hunger und Kälte und hundert andere Widrigkeiten ertrugen, die sahen, wie sich «Brüder» vor dem Bruder versteckten, um ein zufällig aufgetriebenes Stück Brot allein zu essen, die sahen, wie verzweifelte Brüder andere Brüder töteten wegen eines Rests Nahrung, die sahen, wie einfache, unschuldige Leute infolge der «strategischen», «politischen» Entscheidungen «Erleuchteter» den Zorn Gottes erfuhren –, auch sie trugen schliesslich nur noch Lumpen, nicht mehr Wolljacken und lange Unterhosen. Alles auf Lumpen reduziert durch Schnee, Wind, Gewaltmärsche, die Guerilla und das Herumkriechen im Schlamm bei einem 

Regen, der ganz anders war als das Prasseln des Wassers auf den neuen Blechen der reparierten Hütte, während im Innern bei Brot, Salami und herumgereichtem Wein fröhlich die Unterhosenliga sass. Am Russlandfeldzug nahm auch ein herausragender Philologe teil, ein Spezialist für das mittelalterliche und humanistische Italien und wegen seiner Wissenschaftlichkeit und aufmerksamen Grosszügigkeit gegenüber den Studenten ein unvergleichlicher Lehrer: Giuseppe Billanovich. Wenn er von den zerstörten Bibliotheken in irgendeinem Mittelaltergebiet redete, wenn er vom harten Kampf der Intelligenz gegen die Barbareien redete, lebte in seinen Augen die Erinnerung an den «Russlandfeldzug» auf: «Wir sind als Regiment losgezogen und in einem Viehkarren zurückgekehrt, zu fünft.» Falls ich heute eine leere Zeitungsspalte füllen muss, gebe ich mir Mühe, das passabel zu tun, besser als ich es mir auf dem eben zurückgelegten viertelstündigen Weg zur Redaktion ausgedacht habe. Und wenn sie nicht ganz schlecht gerät, widme ich sie seinem Andenken.

übersetzt aus dem Italienischen von Barbara Sauser