Frühlingsgefühle im Prager Herbst

Anne Cuneo: Štěpán. Zürich: Bilgerverlag, 2011.
Von Claudia Mäder

Der arabische Frühling hat Erinnerungen an das Ringen um Freiheit im kommunistischen Osteuropa zu neuer Blüte gebracht – und schafft mit seinem ungewissen herbstlichen Fortgang einen doppelt aktuellen Hintergrund für die Übersetzung eines 20 Jahre alten Buches, das anhand der Tschechoslowakei mit 1989 nicht nur die allenthalben zitierte friedliche Wende, sondern mit 1968 auch das blutige Verwelken freiheitlicher Keime erfahrbar macht. Prague aux doigts de feu lautet der Originaltitel des Werks, das die Autorin, Filmemacherin und Journalistin Anne Cuneo 1990 über jene sieben Augusttage verfasst hat, in denen die Sowjetunion den Pragern und deren Frühling mit Panzern zuleibe gerückt war.

Die Schweizer Zeitungsreporterin Paola Rouge reist Ende 1989 nach Prag, um über die Amtseinsetzung Václav Havels zu berichten. Bald führt die Reise jedoch in die Vergangenheit, denn Paola nimmt 1989 zum Anlass, sich endlich der Erinnerung an jene einschneidenden Erlebnisse von 1968 zu stellen, die den Hauptteil des Buches ausmachen: durch Zufall in die Augustwirren geraten, hat die damals 25jährige inmitten von Prager Studenten und Schriftstellern erfahren, was Engagement und Zivilcourage bedeuten; sie hat sich am Widerstand der Massen beteiligt, ist dem Tod begegnet – und der Liebe ihres Lebens, Štěpán.

Zwischen den beiden entflammte eine Leidenschaft, die binnen Stunden derart intensiv war, dass im Spätsommer 1968 nicht nur die Weltgeschichte, sondern auch das Privatleben der verheirateten Schweizerin auf der Kippe stand. Gefährlich schwankt auf diesem schmalen Grat zwischen Geschichte und Geschichtchen bisweilen die ganze Erzählung. Nicht, weil Geschichte die Fiktion der Liebe nicht ertrüge, sondern weil es letzterer hier an erzählerischer Subtilität mangelt. Die kurzzeitigen Abstürze in groschenromantaugliche Plattheiten lassen sich indes leicht überfliegen – die heiklen Stellen sind gut markiert: wo tief-violette Blicke intensiv werden, schliessen kitschophobe Leser am besten die Augen –, und auch das Hollywood-Ende, der Rahmenerzählung als Nachspann beigefügt, kann getrost überlesen werden. Was bleibt, ist ein Bericht, der durch kraftvolle Unmittelbarkeit besticht; ein scharfer Blick aus der Innenperspektive, geworfen auf den verzweifelten Kampf um Freiheit und Selbstbestimmung – Themen, so zeitlos wie die Liebe.



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