Hin und Hund

Zora del Buono: Hundert Tage Amerika. Hamburg: Mare, 2011.
Von Michael Harde

Damals, als Reiseberichte noch Abenteuerbücher hiessen, blieben Reiseschriftsteller zumeist zu Hause und erzählten vom Hörensagen. Oder sie starben in der Fremde, bevor sie jemand las. Sicher, es gab auch noch Mark Twain, aber die Messlatte soll hier nicht zu hoch gelegt werden. Bleiben wir auf der Erde: sie war einstmals sehr gross, weithin unbekannt – aber gefährlich. Ein Reisebericht war per se spannend, denn er erzählte von einem, der diese zumindest lang genug überlebt hatte, um ein paar Zeilen zu Papier zu bringen. Wer heute reist, um zu schreiben, noch dazu in ein Land der nördlichen Hemisphäre, muss damit rechnen, dass sein Buch von Leuten gekauft wird, die nachlesen, was sie selbst schon gesehen oder verpasst haben – um dann zu nörgeln, sie selbst wüssten es viel besser.

Reiseliteratur braucht heute einen zusätzlichen Kick, das gewisse Etwas, die Erschwerung oder Einschränkung, mit dem sich dieser eine Bericht aus der Masse der Bustouristen-Blogs heraushebt, Spleen oder Spannung verspricht und daher sogar in Buchform noch gelesen wird. Die Grundform des «zusätzlichen Kicks», von John Steinbeck erschaffen, ist der Hund. Auf seiner «Reise mit Charley» fuhr der damals 60jährige Steinbeck mit Pudel Charley durch die USA und liess die Leser teilhaben am sprunghaften Gemüt des Vierbeiners – ebenso wie an den Gemütslagen des amerikanischen Hinterlandes. Auch Jonathan Safran Foer ist in seinem Erstling «Alles ist erleuchtet» 2003 schon auf den Hund gekommen. Der kleine, aber für US-Verhältnisse erschreckend unkastrierte Windspiel-Rüde Lino setzt nun diese Tradition fort. Und sein Frauchen Zora del Buono redet in «Hundert Tage Amerika» gern und viel und sprachgewandt und lebendig darüber – mit ausdrücklichem Stolz übrigens für Linos kleine, aber feine Hoden. Zora und Lino reisen entlang der Ostküste, einem der ausgetretensten Pfade der USA. Doch es liegt weder an der Route noch an Lino, dass sich beim Lesen eine gewisse Ermüdung einstellt: unüberlesbar bleibt, dass del Buono gern in kaltem Kaffee rührt. Allerletzte jüdische Überlebende des Holocausts werden mit detektivischem Eifer aufgespürt und die Leser erfahren Überraschendes: Die Juden haben unter den Nazis furchtbar gelitten. Ebenso stolz brüstet sich del Buono mit der Enthüllung von – wer hätte das gedacht? – latentem Rassismus und bigotter Engstirnigkeit, hinterwäldlerischem Sendungsbewusstsein und selbstherrlichen Shoot-to-kill-Attitüden in der amerikanischen Gesellschaft. Diese banalen Allgemeinplätze werden aufgehübscht durch geheimnisvolle Informanten, die im Buch nur als P., E. oder J. auftauchen dürfen, weil sie sonst… – ja, was denn: als Paula oder Eve oder Jenny entlarvt würden?

Da kann der Hund namens L. noch so hormonell aufgeladen durch Vorstadtparks toben oder lechzend auf einen Hundenapf warten, er dackelt doch immer nur nebenher, wenn Frauchen sich empört. In die USA jedenfalls hätten die beiden dafür nicht reisen müssen.



Kommentare zu diesem Artikel

Sven Weidner
06. Dezember 2011 12:37
Sehr geehrter Herr Harde,
erlauben Sie mir eine kurze Replik? Ihr Text, der ja erfreulicherweise dann doch recht überschaubar ist, ist nicht nur in hohem Maße polemisch, sondern konterkariert jenen Leitgedanken, die die Zeitschrift für die Sie schreiben, eigentlich hochhalten dürften. Auf der Homepage ist unter der Rubrik „Profil“ neben anderen hehren Zielsetzungen zu lesen, dass die Autoren mit ihren Ein- und Aussichten ein differenziertes Bild der Schweiz und der Welt zeichnen. Und weiter: „Wir tun dies sachlich, kultiviert und unaufgeregt – denn unsere Leser erwarten die anspruchsvolle Lektüre, nicht das Lamento“. Soweit so gut.
Sie beginnen Ihr Kritikchen damit, dass Sie einen kursorischen Überblick über die Geschichte der Reiseliteratur bieten, und warten mit einer Anzahl von Autoren auf, die nach Ihrem Dafürhalten für gute Reiseliteratur stehen. Querbeet picken Sie Autoren aus völlig unterschiedlichen Zeiten heraus und, lassen somit gleich erkennen, dass sie ein brillianter Kenner dieses Genres sind. Im Weiteren erläutern Sie kenntnisreich was gute Reiseliteratur heutzutage benötige, um dann in Hau den Lukas Manier auf Del Buonos sympathisches wie sehr lesenwertes und informatives Buch herumzuhacken. Sie beklagen, dass die Autorin eine Route gewählt hätte, die schon jedem bekannt sei, und dass sie in brevi nichts Neues zu sagen habe. Ganz im Gegenteil: die Autorin bemühe sich, alte Binsen wieder aufs Tablett zu bringen die jedem -und natürlich Ihnen als offenbar versierten Connaisseur Amerikas- ohnehin schon längstens bekannt seien.
Immer wieder bemühen Sie zudem die penetranten Anspielungen auf Buonos Reisebegleiter, ihren Hund Lino, und versuchen permanent die Lächerlichkeitsschiene zu fahren. Das ist aber in diesem Kontext dumm und geschmacklos, Privatsenderniveau gleichsam. Eine weitere Stelle an der Sie geradewegs und gnadenlos am guten Geschmack vorbeischrammen ist, wenn sie der Autorin insinuieren sie würde mit „detektivischem Eifer“ Überlebende des Holocaust aufspüren, damit sie in ihrem Buch schreiben kann „die Juden hätten furchtbar unter den Nazis gelitten“.
Es stellt sich hier die Frage, ob Sie selbst eigentlich ernsthaft daran glauben, dass die Autorin mit einer solchen Intention nach Amerika reist, und eine Tatsache, die weithin bekannt ist, auch noch als eine großartige Erkenntnis preisen möchte. Das ist Ihre krause, unfundierte und im übrigen auch etwas bedenkliche Lesart ;nicht mehr und nicht weniger. Ich selbst habe bei einer Lesung die völlig uneitle Autorin kennenlernen dürfen und ihr Buch gelesen. Nach meinem Dafürhalten ist dieses Buch freilich subjektiv – wie sollte es bei einem Reisebericht auch anders sein – eine fundierte und gleichermaßen liebvolle Zusammenfassung von verschiedenen Begegnungen, Erfahrungen und Schlussfolgerungen, die Del Buono auf ihrer Reise gemacht hat.
Ein Reisebericht soll, wie Sie aufdringlich Glauben machen wollen, keineswegs neue Erkenntnisse zu Hauf bringen, sondern vielmehr über die Reiseerfahrungen reflektieren. Und diese Reflexionen sollten im besten Fall in einen Gesamtkontext gestellt werden, was die Autorin macht. Buono ist meines Erachtens nicht mit dem Anspruch angetreten das Rad neu zu erfinden, auch wenn das für Sie vielleicht enttäuschend gewesen ist. Sie arbeitet vielmehr in ihrem Buch feine Beobachtungen die sie mit den verschiedenartigsten Menschen machen durfte heraus, zieht ihre Schlüsse und bleibt dem Menschen als solches immer positiv gewogen. Sie ist kritisch im besten Sinne des Wortes.
Es ist Ihre Aufgabe als Kritiker –verzeihen sie wenn ich sie daran erinnern muss- umfassend, differenziert und trotzdem ein wenig fair zu bleiben. Warum lassen sie all die positiven Aspekte des Buche völlig unter dem Tisch fallen? Ihre Kritik ist eine reine Aneinanderreihung von hämischen Anspielungen und Sie verkennen dabei völlig die vielen positiven Akzente, Einsichten und die Beobachtungsschärfe der Autorin. Wie ein Dackel –sie sprechen soviel von Hunden in ihrem Text, deshalb der Vergleich- beißen sie sich an der Wade fest.
Ich selbst bin schon vielfach in die USA gereist und musste feststellen, dass viele der Beobachtungen die die Autorin gemacht hat, mir durchaus neu und schlussendlich auch für meinen Kenntnisstand bereichernd waren; manche Perspektiven, die ich weder in meinem Amerikanistikstudium noch auf meinen Reisen so ausmachen konnte. Das Buch ist in vielerlei Hinsicht ein Gewinn. Wünschenswert wäre es allemal, dass Kritiken dieser Art, die von Anbeginn an auf Polemik und Vernichtung gebürstet sind, in einem Magazin, das sich großspurig einen liberalen und intellektuellen Anstrich gibt, schlichtweg in dieser Form nicht veröffentlicht werden.
Für Ihre weitere Kritikertätigkeit kann ich Ihnen meinerseits nur ein glücklicheres Händchen wünschen und hoffen, dass Sie etwas mehr Schreib- ja Berufsethos an den Tag legen! Andernfalls kommt die schreibende Gilde wirklich vor die Hunde.

Mit freundlichen Grüßen

Sven Weidner

Diplom Kommunikationswirt
Sven Weidner
Barer Str 56
80799 München
Email: weidner_sven@hotmail.com

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