Mord und Totschlag!

Von Michael Wiederstein

Liebe Leser

Kürzlich wohnte ich einem Vortrag des Literaturnobelpreisträgers Mario Vargas Llosa in St. Gallen bei. Er äusserte bemerkenswerte Gedanken zu den Wechselwirkungen von Literatur und Geschichte, die auch den Krimi-Schwerpunkt (ab S. 4) dieser Ausgabe neu kontextualisieren: die Geschichte, so Vargas Llosa, sei der konkurrenzlos grösste Ideenfundus für jede Art von Literatur. Andererseits sei aber auch die Literatur in einzigartiger Weise imstande, einen – über die nackte Tatsachenbeschreibung weit hinausgehenden – Beitrag zur Geschichtsschreibung zu liefern. Ihr Potential bestehe vor allem darin, den historischen Fakten ihre memorablen Details zuzudichten, die Empathie und damit auch die Phantasie des Lesers zur Entfaltung zu bringen. Sie ringen so den Inhalten vermeintlich profaner Geschichtsbücher einen im besten Sinne phantastischen Mehrwert ab. Literatur gestaltet Historie mancherorts gar so aus und um – Vargas Llosa macht es vor –, dass diese im kollektiven Bewusstsein einen Stellenwert einnimmt, der dem bis anhin blassen Wissen um Jahres-, Wirtschafts- oder Opferzahlen besonderes Gewicht verleiht. Literatur schreibt buchstäblich Geschichte, sie generiert Wirklichkeit. Die von Schiller bis Frisch geschriebene(n) Geschichte(n) der Schweiz belegen ihre Macht mehr als eindrücklich.

Auch die zeitgenössische Literatur, selbst ihre gern als «trivial» etikettierten Abkömmlinge, leisten diesen Beitrag zum Verständnis unserer Welt. Wer viel und aufmerksam liest, entdeckt ihn nicht erst in der Rückschau.

Die Aussichten von Stephan Pörtner (S. 6) und Michael Theurillat (S. 10) auf einen Literaturnobelpreis oder ein Denkmal in der Innerschweiz sind zweifellos recht gering. Und beide schreiben für ein gänzlich anderes Publikum als Mario Vargas Llosa: Sie verfassen Krimis. Doch ihre Texte sind mehr als blosse Ermittlerprosa – sie sind Zürcher und mithin Schweizer Stadt- und Mentalitätsgeschichten.

In diesem Sinne: spannende Lektüre!



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