Viele Kommentatoren sind derzeit auf einer Mission, um die Unruhen, die durch Teile Londons und andere britische Städte gefegt haben, politisch zu kontextualisieren. «Es ist sehr naiv, diese Ausschreitungen ohne diesen Kontext zu betrachten», sagt ein Journalist. Er erkennt wie viele seiner Kollegen die Ursache für die im Londoner Vorort Tottenham entbrannte Gewalt darin, dass «gerade diese Gegend Einschnitte von bis zu 75 Prozent im öffentlichen Dienst nicht verkraftet.» Andere Kollegen meinen, der politische Kontext für die Ausschreitungen sei vor allem in der hohen Jugendarbeitslosigkeit oder in der Wut der Arbeiter über die Kürzungen von Sozialleistungen zu suchen, die unter der Regierung Cameron an der Tagesordnung seien. Vor allem zu diesen Kürzungen bestünde «ein direkter Zusammenhang, der nicht ignoriert werden kann», schreibt ein Autor des Guardian. Kurz und gut, die «Massenunruhen» seien Protest gegen einen ausser Kontrolle geratenen Kapitalismus.

Die Beobachter haben recht damit, dass die Krawalle in einem politischen Kontext zu sehen sind. Sie haben recht, wenn sie argumentieren, dass die polizeiliche Kontrolle eines jungen schwarzen Mannes namens Mark Duggan der Auslöser für die Gewalt auf der Strasse gewesen sein könnte und diese in einem grösseren politischen Zusammenhang gesehen werden müsse.

Aber sie irren sich in ihrer genauen Bestimmung dieses politischen Kontexts! Indem man die neuerlichen Unruhen zu einer Art «Action Replay» historischer politischer Strassenkämpfe gegen vermeintlich «kapitalistische Bosse» oder «rassistische Polizisten» stilisiert, motiviert man einzig die Ohrensessel-Radikalen dazu, einmal mehr auf ihr Rednerpult zu steigen. Nun, da sie ihre Nasen heben von staubigen Wälzern über Bürgerrechtsbewegungen von den Levellers zu den Suffragetten, beginnen sie zu phantasieren, dass es nun endlich soweit sei: der politische Umbruch finde vor unser aller Augen statt, der Aufstand der Ungleichen spiele sich quasi vor unseren Fenstern ab. Aber eine solch einfältige Projektion langgehegter Wünsche lässt eine Antwort darauf vermissen, was denn nun neu und eigenartig – und zutiefst beunruhigend! – ist an diesen Ausschreitungen. 

Der politische Kontext dieser nun seit Tagen andauernden Unruhen besteht ebensowenig aus den Einschnitten ins Sozialsystem wie aus einem besonders rassistisch gearteten Polizeiapparat – stattdessen war es der moderne Wohlfahrtsstaat, der eine Generation herangezüchtet hat, die absolut keinen Gemeinsinn und erst recht keinen Sinn für Solidarität mehr hat: bei dem, was wir auf den Strassen von London und nun auch anderswo sehen, handelt es sich um vom Wohlfahrtsstaat alimentierte Mobs.

Die Jugendlichen, die nun aufstehen, sind Zerstörer ihrer eigenen Gemeinden, und sie vertreten eine Generation, die mehr vom Staat bekommen hat als jede der Generationen vor ihr. Sie kommen aus genau jenen städtischen Gebieten, in denen der Wohlfahrtsstaat in den letzten 30 Jahren die älteren Ideale der Selbständigkeit und des Gemeinsinns verdrängt hat. Sein Eindringen in jeden Winkel der Existenzen der weniger wohlhabender Städter – von ihrem finanziellen Wohlergehen zu ihren Erziehungsaufgaben bis in ihr emotionales Leben hinein – hat seit dem Aufkommen der therapeutischen Wohlfahrtsideologie gerade dazu beigetragen, individuellen Einfallsreichtum ebenso wie soziale Bindungen erfolgreich zu untergraben. Dies natürlich unter den wehenden Fahnen des noblen Anliegens, man wolle bloss sicherstellen, dass die Armen auch «geistig fit» bleiben. Die anti-sozialen jugendlichen Randalierer erscheinen in diesem Licht wie das Endprodukt eines anti-sozialen Systems – dasjenige umfassender staatlicher Intervention.

Das Auffälligste an den Randalierern ist, wie wenig sie sich um ihre eigenen Gemeinden scheren. Man muss, um dies zu erkennen, kein Rechtsaussen sein (ich bin eher das Gegenteil davon): diese Gewalt ist nicht politisch, sie ist einzig kriminell. Und fast schon unterhaltsam mutet es an, dem Chor jener Kommentatoren zuzuhören, die die Unruhen als Aufstand gegen die «Übel des Kapitalismus» interpretieren, während sie offenbar keinerlei Interesse daran haben, sich zu fragen, warum die Ziele der Angriffe bisher vor allem aus Foot Locker-Sportgeschäften, kleinen Elektronikläden, Restaurants und Bushaltestellen bestanden. Auch warum sich die einzigen «Errungenschaften» dieser Revolte bisher aus einem neuen Paar Turnschuhe oder einem Apple-Laptop für die Randalierer zusammensetzen, hinterfragt kaum jemand.

In vergangenen Episoden von Ausschreitungen, etwa während der Rassenunruhen von Brixton im Jahre 1981, waren Plünderungen und Zerstörungen der lokalen Infrastruktur weitgehend Nebenprodukte der wichtigsten Show: dem Konflikt zwischen Teilen der Gesellschaft und den Kräften der Staatsmacht. In den derzeitigen Unruhen besteht die Show aber einzig aus Zerstörung. Wir haben es also nicht mit einer politischen Auseinandersetzung zu tun, sondern mit kindischem Nihilismus.

Viele ältere Mitglieder der bisher betroffenen Gemeinden sind durch die ausgebrochene Gewalt sichtlich erschüttert, wenn nicht schockiert vom Grad der jugendlichen Selbst-Zerstörung. Einige Ladenbesitzer sind zusammengekommen, um ihr Eigentum zu verteidigen. Als es darum ging, Randalierer zu vertreiben, die mit Eisenstangen vor ihren Ladenlokalen auftauchten, mussten sie gar selbst zum Mittel der Gewalt greifen. In einem Video, das gegenwärtig die Runde auf den Social Networks macht, ist eine Frau in den Fünfzigern zu sehen, die in den mit Trümmern übersäten Strassen den Randalierern einen Vortrag hält: «Diese Leute haben hart gearbeitet, um ihre Unternehmen aufzubauen! Und ihr kommt nun und brennt sie nieder. Für was?» Sie erhält keine Antwort. Auf Twitter wurde der Hashtag #riotcleanup von den betroffenen Anwohnern verwendet, um provisorische Aufräumaktionen zu koordinieren, die das, was ältere in Tottenham Ansässige als das Ergebnis des «dummen Verhaltens der Jugend» bezeichnen, buchstäblich wieder gerade zu biegen.

Kindische Destruktivität greift als Erklärung der Motivation der Aufständischen aber immer noch zu kurz. Auf einer grundsätzlicheren Ebene sind diese Jugendlichen, die zu einem ganz überwiegenden Teil von ihren Gemeinden alimentiert wurden, Entfremdete des Wohlfahrtsstaats. Finanziell, physisch und pädagogisch sind sie mehr von den Akteuren des Sozialstaates als durch ihre eigenen Familien oder Nachbarn beeinflusst worden. Zu den staatlichen Sozialvertretern haben sie eine tiefere moralische oder emotionale Bindung, als zu denjenigen, bei und unter denen sie tatsächlich aufgewachsen sind.

Die Ausschreitungen offenbaren nicht, dass Grossbritannien in einer Art Zeittunnel zurück in die Jahre 1981 oder 1985 gereist wäre, als es noch politisch motivierte, anti-rassistische Ausschreitungen gegen die Polizei gab. Sie zeigen vielmehr, dass die tentakelartige Ausbreitung des Wohlfahrtsstaates in jeden Bereich des Lebens der Menschen die alten sozialen Bindungen, auch die Beziehungen des Teilens und der Solidarität, die für Gemeinden der Arbeiterklasse typisch waren, vernichtet hat. In Gemeinden, die vom Staat abhängig sind, sind die Menschen nun weniger geneigt, sich füreinander einzusetzen oder auf soziale Nöte anderer Rücksicht zu nehmen. Wir haben ein Sprichwort in England für Menschen, die ihr eigenes Milieu untergraben: wir nennen das «Scheissen vor die eigene Haustür».

Die Ausschreitungen legen nahe, dass der Wohlfahrtsstaat Nachbarn geschaffen hat, die dieser Tätigkeit nun gar mit Vergnügen nachgehen. Was wir sehen, ist keine politische Rebellion, sondern ein wilder Ausdruck der Nichtachtung von Mitmenschen. Und als Linker weigere ich mich, dieses nihilistische Verhalten, das zutiefst negative Auswirkungen auf die Leben der betroffenen Menschen hat, zu feiern.

Im Gegensatz zur Auffassung manches Intellektuellen ist dieser Wohlfahrts-Mob weit davon entfernt, die Interessen der einfachen Leute zu vertreten. Mehr gemein hat er mit dem, was Karl Marx einmal als das «Lumpenproletariat» beschrieb. Tatsächlich erinnert mich das Treiben auf Londons Strassen an Karl Marx‘ bunte Beschreibung in «Der 18te Brumaire des Louis Napoleon»: daran vor allem, wie dieser französische Herrscher zynisch seine Machtbasis unter Teilen der Bourgeoisie wie auch unter Teilen des Lumpenproletariats ausbauen konnte. Schulter an Schulter «verkommene und abenteuernde Ableger der Bourgeoisie, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaroni, Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Maquereaus , Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler […]  mit diesem ihm verwandten Elemente bildete Bonaparte den Stock der Gesellschaft vom 10. Dezember. ‹Wohltätigkeitsgesellschaft› - insofern alle Mitglieder gleich Bonaparte das Bedürfnis fühlten, sich auf Kosten der arbeitenden Nation wohlzutun.» Heute finden wir – freilich unter ganz anderen Umständen –eine ähnliche Melange vor. Dort nämlich, wo dekadente Kommentatoren Seite an Seite mit Randalierern eine seltsame Allianz aus Bourgeoisie und unausgelasteten Übervorteilten bilden, die «die arbeitende Nation», also uns Übriggebliebene, mit Verachtung betrachtet.

Es gibt noch ein weiteres wichtiges Element dieser Geschichte: die Reaktion der Polizei. Ihre Unfähigkeit, die Unruhen effektiv in den Griff zu kriegen, enthüllt das ganze Ausmass der Tragödie einer Ordnungsmacht, die weit besser dazu geeignet scheint, einvernehmliche Polizeiarbeit zu leisten, als ihr konfliktreicheres Pendant. Diese Tatsache unterstreicht, wie weit die «Opferpolitik» in unserer Epoche vorangeschritten ist, da praktisch keine Polizei-Aktivität ohne Beschwerde oder darauf folgenden Rechtsstreit stattfinden kann. Der derzeitige, beinahe klinisch anmutende Einsatz der Polizei ist für die Aufrührer bloss ein weiterer Anreiz, mit dem Brandschatzen fortzufahren. Denn, wie ein Beobachter es treffend ausdrückte, wenn die Randalierer «sehen, dass die Polizei keine Kontrolle über die Situation hat, führt das bei ihnen bloss zu einer Art Adrenalinschub». 

Fassen wir zusammen. Ja, es gibt ihn tatsächlich, den «politischen Kontext», in den die Ausschreitungen in London eingebettet sind: der Wohlfahrtsstaat hat den britischen Jugendlichen ihren Gemeinschaftssinn systematisch abtrainiert. Das Gewaltfeuerwerk auf den Strassen Londons wurde von den Auswüchsen unseres Sozialstaates gezündet und dann vom Handeln eines verlegenen Polizeistaates intensiviert. In diesem Sinne veranschaulichen die Tumulte sehr aufschlussreich und sehr deprimierend, in welchem Zustand sich das moderne Grossbritannien befindet.

 

Brendan O'Neill ist Redaktor beim britischen Debattenmagazin «spiked». Der vorliegende Text ist die exklusive Übersetzung eines Kommentars, der am 9. August auf www.spiked-online.com erschien.