Schweizer Monat
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«Von der Idee bis zum Einreichen eines Vorstosses nehme ich mir jeweils ein halbes Jahr Zeit»

Zehnkämpfer, Bobfahrer und Unternehmer Marcel Dobler muss sich als Neuparlamentarier in Geduld üben. Was hat er sonst noch gelernt?
Von Ronnie Grob, Marcel Dobler

Herr Dobler, im Jahr 2009 wurden Sie Schweizer Meister im Zehnkampf. Beginnen wir doch damit: Wie haben Sie all diese unterschiedlichen Disziplinen erlernt?
Ich bin mit schnellen Beinen auf die Welt gekommen. Alles andere musste ich lernen. Wenn man mit 21 Jahren Stabhochsprung oder Hürdenlaufen lernt, braucht man etwas Ausdauer und viel Geduld. Der Anfang war hart und zeitweise auch schmerzhaft. Beim Stabhochsprung kann man auf der Stange landen, gar nicht auf die Matte kommen oder beim Hürdenlaufen einfach nur hängen bleiben. Die Möglichkeiten zu scheitern sind sehr vielseitig. Auch Seitenwinde können beim Anlauf mit einem Fast-fünf-Meter-Stab tückisch werden… Ich hatte aber Freude am Lernen, und weil ich immer Fortschritte machte, wurde ich immer motivierter. Mit dem Essen kommt der Hunger.

 

Wann haben Sie angefangen, ernsthaft zu trainieren?
Ich habe immer Sport gemacht in meinem Leben, allerdings lange ohne besondere Ambitionen. Denn ich hatte anderes zu tun: von 2000 bis 2006 habe ich eigentlich nur gearbeitet. Ich kam als erster und ging als letzter, von Montag bis Samstag. Die Gewerkschaften wären gar nicht einverstanden gewesen mit meinem Verhalten. Aber als Geschäftsführer habe ich mir das erlaubt. Ernsthaft trainiere ich seit 2006, seit ich operativ weniger aktiv bin. Mit Hilfe meines Trainers Hansruedi Kunz – eine wahre Legende, der ich alles zu verdanken habe – machte ich innerhalb dreier Monate grosse Fortschritte. Ich qualifizierte mich für die Schweizer Meisterschaften, wurde dort Dritter und machte das erste Mal über 7000 Punkte, was für einen Zehnkämpfer immer ein Meilenstein ist. Aber: Speerwerfen kann ich bis heute nicht richtig. Im Vergleich mit einem Anfänger ist meine Technik vielleicht nicht schlecht, im Vergleich mit der europäischen Spitze dagegen sehe ich alt aus.

 

Und 2016 wurden Sie auch noch Schweizer Meister im Viererbob! Nun wollen Sie in dieser Disziplin an den Olympischen Winterspielen in Südkorea teilnehmen.
Bobfahren lag gar nicht so fern, wie es vielleicht scheint. Ich war immer schnell, stark und schwer – als Zehnkämpfer eigentlich viel zu schwer. Nach dem Verkauf von Digitec 2014 fand ich, dass ich noch nicht bereit sei zum Golfen.

 

Sie verkauften Ihre Anteile am von Ihnen mitgegründeten Onlineshop für mehrere Millionen Franken, 2015 sind Sie für die FDP in den Nationalrat gewählt worden. Weshalb haben Sie Digitec verlassen?
Finanziell hat sich der Entscheid nicht gelohnt. Aber ich wollte diesen grundlegenden Wechsel im Leben und werde ihn mit Sicherheit nach meiner politischen Karriere noch ein zweites und ein drittes Mal vollziehen. Durch meine Tätigkeit als Unternehmer habe ich viele Kompetenzen im digitalen Bereich erworben, die ich einbringen kann und will. Die Politik bringt mich jetzt dazu, mich auch mit Themen auseinanderzusetzen, mit denen ich mich noch nie im Detail beschäftigt habe. Lebenslanges Lernen ist heute ein Muss, und das wird glücklicherweise auch mehr und mehr zu einer allgemeinen Kultur. Ich habe nicht vor, jetzt dreissig Jahre lang im Parlament zu sitzen.

 

Würden Sie einer Amtszeitbeschränkung zustimmen, um den Personalaustausch in der Politik zu automatisieren?
Auf der Stelle.

 

Als Unternehmer, der plötzlich in den nationalen Politbetrieb hineinkommt, dürften Sie einen Kulturschock erlebt haben.
Sagen wir es so: Es war ein grosser Kulturwandel. Als Unternehmer war ich es gewohnt zu priorisieren, also die wichtigsten Probleme zuerst anzupacken. In der Politik dagegen ist viel mehr Geduld vonnöten. Zur Profilierung eingereichte Vorstösse werden zusammen mit echten Problemen unterschiedslos hintangestellt bei den Pendenzen. Auch wichtige Fragen werden erst dann gelöst, wenn sie «dran» sind, womöglich erst in ein paar Jahren. Nach zwei Jahren habe ich aber schon länger  begriffen, wie die Prozesse funktionieren.

 

Was ist Ihnen denn in der Politik besonders aufgefallen – im Unterschied zur Privatwirtschaft?
Die Schweiz hat ein Problem mit der Fehlerkultur! Es ist doch nicht schlimm, etwas zu versuchen, zu scheitern und es das nächste Mal besser zu machen. Sowohl in der Firma als auch im Parlamentsbetrieb habe ich vieles ausprobiert, und meine Vorgehensweise nach den gemachten Erfahrungen umgestellt. Und Lernen heisst auch, andere Meinungen anzuhören und zu verwerten. Digitec war meines Erachtens nur deshalb so erfolgreich, weil hier drei grundverschiedene Typen von Gründern zusammengearbeitet haben, die sich kreativ hinterfragen und ergänzen konnten.

 

Konkreter?
Es hatte jeder seinen operativen Aufgabenbereich. Wir haben uns aber auch auf strategischer Ebene ergänzt: Oliver Herren war der Visionär, der gut banalisieren konnte und sich wenig mit den Details beschäftigt hat. Florian Teuteberg war in die Prozesse und in die Details vertieft. Und ich habe Neues angerissen und Ideen in der IT umgesetzt.

 

Was haben Sie über das Milizprinzip gelernt?
Ich sitze nur in einer Kommission, der Sicherheitskommission (SIK). Doch bereits so nimmt meine Tätigkeit als Nationalrat ein 50-Prozent-Pensum ein. Wie viel ein Parlamentarier im Einzelfall aufwendet, kommt sehr darauf an, wie seriös er diese Aufgabe ausführt. Für einen echten, operativ im Geschäft stehenden Unternehmer ist ein Nationalratsmandat jedenfalls mit zwanzig Wochen Ferienabwesenheit gleichzusetzen. Deshalb habe ich höchste Bewunderung für Ems-Chemie-CEO Magdalena Martullo, die immer im Rat ist. So was kann nur funktionieren, wenn man sehr gut delegiert. Ich meine: ein effizienterer Parlamentsbetrieb könnte mehr Freiräume ermöglichen.

 

Können Sie einen konkreten Reformvorschlag formulieren?
Dass acht von zehn Vorstössen abgelehnt werden, ist nicht effizient. Und dass debattiert wird, ohne dass viele zuhören, ist auch nicht sinnvoll. Man könnte zum Beispiel auferlegen, dass einige Vorstösse nur noch schriftlich eingereicht und beantwortet werden können. So liesse sich die Session mit Sicherheit von drei auf zwei Wochen verkürzen. Ich befürchte jedoch, dass so ein Vorstoss keinen Erfolg hat – die Beharrungskräfte sind enorm. Gewendet bedeutet das: ein Vorzug unseres Systems ist, dass es so stabil ist.

 

Wie gehen Sie denn selbst mit Vorstössen um?
Ich halte mich zurück und reiche nur fundiert abgeklärte Vorstösse ein, in die ich Zeit investiert habe. Allerdings zeigt meine Erfahrung, dass die Verwaltung bei schwierigen Fragen in Interpellationen nicht oder nur ausweichend antwortet. Üblicherweise plane ich mir von der Idee zu einem Vorstoss bis zu seinem Einreichen ein halbes Jahr ein. In dieser Zeit rede ich mit Verbänden, mit der Verwaltung, meinem Netzwerk, den Parlamentariern – lasse sie auch unterschreiben bei heiklen Fragen. Bei diesen Sondierungen lerne ich auch ständig neue Abteilungen der Bundesverwaltung kennen. Es sind ja inzwischen über 35 000 Angestellte, die der Bund beschäftigt!

 

Kommen Sie klar mit dem vielen Papier und den vielen E-Mails, mit denen ein Parlamentarier überflutet wird – oder haben Sie dafür auch Angestellte?
Das Problem ist, dass man die Unterlagen oft mehrfach erhält: elektronisch per E-Mail, per Post und dann im Rat nochmals auf Papier. Deshalb musste ich mich organisieren: ich habe eine Mitarbeiterin angestellt, die mir die Post öffnet, die E-Mails organisiert und auch Recherchen anstellt.

 

Ist die Verwaltung inzwischen digital gut aufgestellt?
Festzustellen ist, dass die Digitalisierung heute überall auf der Agenda ist. In der Verwaltung gibt es Leuchttürme, die Freude bereiten und viel bewegen, wie etwa Bundeskanzler Walter Thurnheer oder Astra-Direktor Jürg Röthlisberger. Es gibt aber auch andere. Wenn der Chef eines Bereichs sehr weit weg ist vom Thema, dann wird es schwierig mit digitalen Reformen.

 

Wie gehen Sie um mit dem Fraktionszwang?
Es stellt sich die Frage, weshalb ein Parlamentarier gewählt ist: wollte der Wähler unbedingt ihn wählen? Oder hat er ihn gewählt, weil er einer bestimmten Partei angehört? Ein Parteiloser wie Thomas Minder kann immer machen, was er will, klar. Angesichts der knappen Mehrheit von SVP und FDP ist es aber gerade im Nationalrat äusserst wichtig, dass strategische Geschäfte eine bürgerliche Mehrheit finden. Bei diesen Geschäften ist es notwendig, auf Parteilinie zu bleiben.

 

Wie nehmen Sie die Rolle der Medien im Hinblick auf den parlamentarischen Betrieb wahr?
Wenn ein Parlamentarier in einer Session sieben Vorstösse lanciert, und sieben davon kommen nicht durch, dann würde ich von den Medien erwarten, dass sie genau das analysieren. Tatsächlich erhalten aber exotische, extreme, nicht umsetzbare Vorstösse viel mehr Medienaufmerksamkeit als konstruktive. So wird nicht die redliche Arbeit belohnt, sondern das Streben nach Aufmerksamkeit. Die Medien suchen sich oft auch ein einzelnes Geschäft aus dem Tagesbetrieb des Parlaments heraus, über das sie berichten – worauf dann andere, oft ebenso umstrittene Geschäfte sozusagen ohne öffentliche Diskussion verabschiedet werden.

 

Ist Ihnen das Lernen einfacher gefallen, als Sie jung waren?
Mir scheint, ich lerne heute fokussierter. Als ich zur Schule ging, hatte ich keine genauen Ziele. Heute aber will ich konkret etwas erreichen, also bin ich motivierter. Prägend für mich waren meine frühen Erfahrungen mit meiner Firma: Ich hatte Freude am Arbeiten und wollte besser sein als die anderen. Als Unternehmer muss man einfach jedes sich stellende Problem lösen, selbst wenn einem niemand hilft und man niemanden fragen kann. Und wenn es nicht zu lösen ist, stehen schon die nächsten Fragen an, meistens dann verbunden mit Zeitdruck: Wie umgehe ich das Problem? Was mache ich stattdessen?

 

Was ist heute – auch als Politiker – anders?
Mein Beziehungsnetz ist viel grösser als damals. Dieses Netzwerk, das mir Feedback zurückgibt, ist für mich äusserst wichtig geworden. Ich kann bei jeder schwierigen Frage auf jemanden zugehen, der mir eine gute Antwort geben kann. Wenn ich etwa eine wichtige Entscheidung zu treffen habe, so konsultiere ich immer Personen aus meinem Netzwerk und frage sie nach ihrer Meinung dazu. Jene, die von sich glauben, in jedem Bereich alles zu wissen und im Detail zu begreifen, sind mir eher suspekt.


Marcel Dobler
ist Unternehmer, Sportler und Politiker (FDP). Er ist Gründungsmitglied des Schweizer Unternehmens Digitec und war während 13 Jahren dessen CEO.


 

Ronnie Grob
ist Redaktor dieser Zeitschrift. Er lebt in Zürich.




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