Schweizer Monat
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Was sollte der Schweiz Mut machen?

Wir fragen nach
Von Redaktion

Die Unternehmer

von Christof Domeisen, CEO von Angst + Pfister und Präsident der «Unternehmergruppe Wettbewerbsfähigkeit»

«Wir meinen es nur gut», ist jeweils den Beipackzetteln zu entnehmen, wenn neue Gesetze oder Verordnungen annonciert werden. Praktisch jeden Tag kommen neue hinzu. Wir leben in einem überregulierten Land, und das macht mir das Leben als Unternehmer nicht leicht. Und trotzdem funktioniert unser Arbeitsmarkt so gut wie sonst nirgends auf der Welt. Hier zu leben, ist ein Privileg: wir verfügen nicht nur über ein hohes Bildungsniveau und ein vorbildliches duales Ausbildungssystem, sondern auch über ein effizientes Sozial- und Gesundheitswesen. Und wir sind fähig, Menschen aus anderen Kulturkreisen in unsere Gesellschaft zu integrieren. Das alles ermutigt Unternehmer, eigenständig zum Erhalt des Wohlstandes in der Schweiz beizutragen. Gute Perspektiven haben wir deshalb, weil immer mehr junge unternehmerisch denkende Menschen sich und unser Land nicht mental abschotten. Stattdessen stellen sie sich den globalen Herausforderungen im Wettbewerb, erkämpfen sich Freiräume für unternehmerisches Handeln und verteidigen sie auch.


Die Technik

von Lino Guzzella, Präsident der ETH Zürich

Sie war Trapezkünstlerin, er Bauführer. Seit ihrem Unfall ist sie Paraplegikerin, er Tetraplegiker. Zusammen mit 64 weiteren Menschen mit Behinderungen waren sie vor einem Jahr am Cybathlon und kämpften in ihren Disziplinen um Medaillen. Viel wichtiger als die Rangierung war der Anlass selber, denn der rückte diese Menschen ins Zentrum. Es wurde ihr Treffen, wo sie sich massen, austauschten, Mut fassten. Der Event brachte nicht nur Menschen mit Behinderungen nach Zürich, sondern auch ihre Techniker, Freundinnen und Familien. Und mit ihnen Firmen, Universitäten, Forscherinnen, Ingenieure. Es war ein Katalysator: für ein höheres Tempo bei der Verbesserung von Assistenzgeräten, für bedürfnisgerechtere Rollstühle, für Prothesen und Exoskelette. Die Technik wird angeborene oder unfallbedingte Behinderung nicht vollständig eliminieren. Aber sie wird die Lebensqualität der Betroffenen verbessern.


Die Wandlungsfähigkeit

von Antoinette Hunziker-Ebneter, CEO von Forma Futura Invest AG

Vorbildunternehmen in der Schweizer Industrie, welche erfolgreich die Robotik und die digitale Transformation meistern, können auch Schweizer Banken Mut machen für die Entscheidung, wandlungs- und zukunftsfähig zu bleiben. Denn der technologiegetriebene Wandel hat auch die Finanzbranche voll erfasst: Digitalisierungs- und Innovationsprojekte werden auf höchster Stufe lanciert. Daten werden intelligent erfasst, ausgewertet und genutzt. Gleichzeitig gilt es sich zuverlässig vor immer raffinierteren Cyberattacken zu schützen. Daher lohnt es sich für Führungsgremien von Banken, Verständnis für neue Technologien aufzubauen. Die Digitalisierung, insbesondere in der Interaktion mit den Kundinnen und Kunden, ermöglicht effizientere Prozesse und kann somit zur Kostenoptimierung beitragen. Die rasche Umsetzung neuer Anforderungen ist zentral. Denn der Wettbewerb wird unter agilen Anbietern entschieden, die flexibel und zeitnah auf sich verändernde Kundenbedürfnisse reagieren. IT als Kernkompetenz zu definieren braucht den Mut der Verwaltungsräte, tut der Bank aber gut.


Die Offenheit

von Adriano B. Lucatelli, Unternehmer im Finanzbereich und Dozent an der Uni Zürich

Die Schweiz hat über viele Dekaden hinweg gezeigt, wie man sich mit Offenheit wirtschaftlichen Verwerfungen stellen und anpassen kann. Diese Leistung ist ein Mutmacher für aktuelle und kommende Herausforderungen. Denn wie ist Wohlstand zu erreichen? Es braucht Wettbewerb, möglichst offene Grenzen und einen möglichst kleinen Staatssektor. Wir müssen uns aber fragen, wie wir den nächsten Dynamisierungsschub auslösen können. Eine neue Privatisierungsrunde, so meine ich, ist das ideale Instrument: wir sollten staatsnahe Betriebe wie Swisscom, Post, Kantonalbanken und andere endlich in die privatwirtschaftliche Freiheit entlassen. Die Unternehmen erhalten so frischen Sauerstoff, und der Privatsektor kommt endlich wieder in die Lage, neue Arbeitsplätze zu erzeugen. Denn aktuell ist es ja vor allem der Staat, der neue Stellen schafft: in den Bereichen Gesundheit, Bildung und Soziales. Mut machen kann uns der Vergleich mit der Regulierungsdichte in einigen anderen Ländern: wir klagen auf hohem Niveau.


Civic Tech

von Anja Wyden Guelpa, Staatskanzlerin des Kantons Genf

Nur 3 von 10 Menschen unter 35 gehen heute in der Schweiz wählen. An der Urne werden sie nicht zuletzt deshalb von den Älteren überstimmt, oft zu ihrem Leidwesen. Auch der öffentliche Diskurs über die Zukunft unserer Demokratien findet meist ohne sie statt: ob Brexit, Populismus oder radikale Initiativen, die Kommentare in den etablierten Medien werden von älteren Damen und Herren beigesteuert. Unter ihnen herrscht – unabhängig von ihrer politischen Ausrichtung – nicht selten ein diffuser Kulturpessimismus, der die Demokratieverdrossenheit über alle Altersgrenzen hinweg nur verstärkt.

Zeit deshalb für mehr Empowerment durch Civic Tech: die Digitalisierung der Demokratie lässt neue Plattformen wie engage.ch entstehen, auf denen Bürgerinnen und Bürger ihre Ideen deponieren und die besten unter ihnen leichter in den Politprozess einbringen können. Civic Techs machen Demokratie fass- und brauchbar, bauen Brücken zwischen Bevölkerung und Politik. Wo das gelingt, wird sichtbar: wenn man jungen Menschen vertraut, wird die Demokratie lebendig – und (junge) Menschen beteiligen sich stärker.


Die Nachbarn

von Ursula Plassnik, Botschafterin Österreichs in der Schweiz

Die Schweiz ist eine Europäerin und eine Weltbürgerin. Sie ist keine Insel und schon gar kein Kontinent. Die Schweiz liegt vielmehr inmitten des vielfältigsten, friedlichsten, umweltfreundlichsten, wohlhabendsten und sozial am wenigsten ungerechten Erdteils. Die Europa-Lage der Schweiz ist nicht nur Glückssache, sondern auch politisches Schicksal. Ohne ihre Nachbarn, ohne die Kunden in aller Welt und ohne die klugen ausländischen Forscherköpfe wäre die Schweiz ein völlig anderes Land. Es genügt ein kleines Gedankenexperiment: Könnte die Schweiz ihre vielfältigen Talente und Tugenden, ihre Konsensfähigkeit, ihre Liebe zur Präzision, ihre Solidarität und Solidität voll entfalten, läge sie mitten in Afrika, in Südamerika oder Asien? Mitten in Europa hat die Schweiz allen Grund, sich selber Mut zu machen.


Die Willensnation

von Lucia Waldner, Leiterin des Credit Suisse Research Institute, des internen Think Tank der Credit Suisse Group

Die Schweizer Willensnation ist ein einzigartiges Konzept, das selten erfolgreich nachgeahmt wurde. Eine Gesellschaft ohne ein Volk im herkömmlichen Sinne – keine einheitliche Sprache, kein gemeinsamer Geschichtsweg und keine verbindende Religion – hat in einer zunehmend globalisierten Welt beste Erfolgsaussichten. Denn der Mensch ist heute nicht nur mehr in Bewegung als je zuvor, sondern auch in beispiellosem Umfang. Zum einen ist die geographische Entfernung und die damit verbundene kulturelle Distanz zwischen den Herkunfts- und den Zielländern spürbarer denn je. Zum anderen ist das schiere Volumen der Völkerwanderung historisch ohnegleichen. Besser aufgestellt als klassische Nationalstaaten ist gerade eine Gesellschaft, die stets Vielfältigkeit zusammenfügt und aus ihr langfristig Potenzial schöpfen kann. Selbstverständlich vorausgesetzt, der gemeinsame Wille ist deutlich artikuliert und kann sowohl innerhalb als auch ausserhalb eindeutig wahrgenommen werden.




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